Afro-Tech and the Future of Re-Invention im Hartware MedienKunstVerein

Design zur Ausstellung „Afro-Tech and the Future of Re-Invention“: 21. Oktober 2017 – 22. April 2018, HMKV im Dortmunder U, Ebene 3, Design: KoeperHerfurth
(Presseinformation) Die von Inke Arns und Fabian Saavedra-Lara kuratierte Ausstellung Afro-Tech and the Future of Re-Invention zeigt 20 internationale künstlerische Positionen sowie 12 Tech-Projekte aus den Maker-Szenen verschiedener Länder Afrikas.

Ausgangspunkt der Beschäftigung war eine Recherchereise von Inke Arns durch verschiedene Länder Afrikas, die 2014 stattfand und deren Interesse der Maker-Szene und den neuen technischen Geräten, Apps, Softwarelösungen und digitalen Produkten galt, die seit einigen Jahren vor dem Hintergrund der zunehmenden Digitalisierung und Vernetzung auf dem Kontinent entstehen. Viele dieser Erfindungen haben zum Ziel, der Gemeinschaft ihrer Nutzer*innen im Alltag zu helfen und infrastrukturelle Probleme auszugleichen. Sie funktionieren oftmals nach Prinzipien von allgemeiner Zugänglichkeit und Open Source, die Veränderungen im Design, Umnutzungen und Weiterentwicklungen erlauben. Somit stellen sie einen Gegenentwurf zu den technologischen Monokulturen des „globalen Nordens“ dar, die hier dominieren.

Die in der Ausstellung präsentierten Erfindungen erscheinen als Beweise einer bereits begonnenen technologischen Entwicklung, die zu einer Zukunft führen könnte, die nicht auf die Erzählung von Moderne und Fortschritt des Westens beschränkt ist – eine Zukunft, die uns die künstlerischen Arbeiten in der Ausstellung bereits jetzt in Ausschnitten zeigen. Die verwendeten künstlerischen Medien sind Skulpturen, Videos, Videoinstallationen, Fotografien, Zeichnungen, Schallplatten, Software und Comics.

Die 32 teilnehmenden Künstler*innen und Tech-Projekte kommen aus 22 Ländern: Ägypten, Angola, Australien, Deutschland, Benin, Frankreich, Ghana, Großbritannien, Italien, Kamerun, Kanada, Kenia, Niederlande, Nigeria, Portugal, Ruanda, Sierra Leone, Spanien, Senegal, Südafrika, Uganda, den USA und vom Planeten Saturn.

Ausstellungsgestaltung

Das Grafikdesign wurde von dem Dortmunder Designbüro KoeperHerfurth entwickelt. Die Gestalter haben eine spannende Parallele zwischen Sun Ras ägyptisierendem Kopfschmuck (mit Sonnenscheibe und zwei U-förmig um diese Scheibe angeordneten Strahlen) und dem U auf der Spitze des Dortmunder U entdeckt. Das U fungiert in ihren Entwürfen als ultimatives afrofuturistisches Symbol und als Verbindung zum Planeten Saturn.

Die Ausstellungsszenografie stammt von der Architektin Ruth M. Lorenz (Berlin). Sie imaginiert das Dortmunder U als die mythische „Mothership Connection“, quasi als einen gigantischen Raumkreuzer, und den Ausstellungsraum des HMKV als unheimlich-technoiden und zugleich faszinierenden Unterbau eines Raumschiffes kurz vor dem Start.

Inhaltliche Schwerpunkte der Ausstellung

Wichtige Bezugspunkte vieler künstlerischer Arbeiten in der Ausstellung sind der Jazzmusiker Sun Ra, der Afrofuturismus im Allgemeinen und der Mythos von Drexciya im Besonderen.

Sun Ra

Einer der bedeutendsten und bekanntesten Repräsentanten des Afrofuturismus ist der
avantgardistische Jazzmusiker Herman Blount (1914-1993), der sich als Kunstfigur Sun Ra vom Planeten Saturn neu erfand. Sein gesamtes musikalisches Werk durchziehen unterschiedliche Zukunftserzählungen über den Weltraum und interstellare Reisen aus einer afroamerikanischen Perspektive. Der Weltraum ist für Sun Ra ein Sehnsuchtsort, an dem Rassismen und Diskriminierungen überwunden werden können und alle Menschen einen Raum für ihre eigene Erzählung finden, sich somit selbst ermächtigen und frei sein können. Die Zukunft ist für ihn nicht ohne die Vergangenheit zu denken. Bei Sun Ra äußert sich dieser afrofuturistische Gedanke in zahlreichen Bezügen zum Pharaonenreich im alten Ägypten als Sinnbild für die durch Kolonialismus und Diaspora verloren gegangene kulturelle Hegemonie des afrikanischen Kontinents. Diese Bezüge finden sich z.B. in seinem Künstlernamen wieder (Ra ist der ägyptische Sonnengott) sowie in zahlreichen Kostümen und Bühnendekorationen. Die Zukunft wird im Afrofuturismus also nicht linear gedacht (wie
in der westlichen Science-Fiction), sondern zirkulär.

Drexciya

Das Detroiter Techno-Duo Drexciya hat in zahlreichen Konzeptalben imaginäre, vom Afrofuturismus inspirierte Welten entwickelt. In ihren Veröffentlichungen ist Drexciya gleichzeitig der Name einer sagenumwobenen Stadt unter dem Meer. Dieses „afrofuturistische Atlantis“ wird von den Nachfahren schwangerer Frauen bevölkert, die als Sklavinnen aus verschiedenen Ländern Afrikas verschleppt und während der Überquerung des Atlantiks über Bord geworfen und ermordet wurden. Der Sage nach überlebten ihre ungeborenen Kinder im Mutterleib und entwickelten die Fähigkeit, unter Wasser atmen und leben zu können. Sie gründeten eine unbekannte Unterwasser-Zivilisation, die über utopische Technologien verfügt. Afrofuturismus in der Populärkultur

Neben Sun Ra und dem Detroiter Techno-Duo Drexciya gab und gibt es seit der Mitte des 20. Jahrhunderts zahlreiche Künstler*innen, die sich in der Populärkultur mit afrofuturistischen Konzepten und Ästhetiken befassen. Sun Ras Ideen und performative Praxis z.B. beeinflussten eine Vielzahl anderer Künstler*innen im Techno und in der aktuellen elektronischen Clubmusik (z.B. Flying Lotus), im Hip-Hop und im zeitgenössischen R&B (z.B. Missy Elliott und Janelle Monáe). Außerdem gibt es auch in anderen Weltgegenden eigenständige, vergleichbare Entwicklungen, die sich mit diasporischen Zukunftsentwürfen aus der Perspektive schwarzer Communities befassen und die durch die Verwendung und Aneignung neuer Technologien des Produzierens, z.B. des Studios und Mehrkanal-Mischpults im Fall von Dub in Jamaika, futuristisch anmutende Tracks erschaffen (z.B. Lee „Scratch“ Perry). Drei große Themen durchziehen die Ausstellung: der Weltraum, das Meer und die
Technologie.

Der Weltraum

John Akomfrahs kurzer experimenteller Dokumentarfilm The Last Angel of History untersucht die Beziehungen zwischen pan-afrikanischer Kultur, Science Fiction, intergalaktischem Reisen und sich rasant entwickelnder Computertechnologie. Der Kurzfilm Afronauts der ghanaischen Regisseurin Frances Bodomo handelt (ebenso wie die Fotoserie von Cristina de Middel) von der realen Geschichte eines geplanten Weltraumprogramms im Sambia der 1960er Jahre – eine Zeit, in der politische Utopien auf technologischen Fortschritt treffen. Kiluanji Kia Hendas Fotografien zeigen futuristische Architekturen in der angolanischen Hauptstadt Luanda. Diese post-kolonialen Gebäudestrukturen deutet der Künstler in Icarus 13 zu ‚Beweisen’ für die erste afrikanische Reise zur Sonne um. Kapwani Kiwangas Sun Ra Repatriation Project hat zum Ziel, Sun Ra auf seinen eigentlichen Ursprungsplaneten zurückzubringen: Saturn. Der 1993 verstorbene Sun Ra war Jazzmusiker. Er behauptete, vom Planeten Saturn zu stammen und vertrat die Philosophie des «astro-black», die seine außerirdische Herkunft bestätigte. Die Fotojournalistin Cristina de Middel rekonstruiert in The Afronauts die Geschichte des sambischen Weltraumprogramms in den 1960er Jahren mit künstlerischen Mitteln. Hierbei kombiniert sie ihre eigenen, 50 Jahre später entstandenen Bilder mit Kopien historischer Dokumente und Reproduktionen historischer Fotografien. Ausgehend vom Werk des kosmischen Jazzmusikers Ra untersucht die spekulative Erzählung von Soda_Jerk den Zusammenhang zwischen Science-Fiction und Sozialpolitik in der Black-Atlantic-Musikkultur. In der Ausstellung wird Astro Black als Zwei-Kanal-Videoinstallation mit vier zwischen den beiden Bildschirmen hin- und herwechselnden Folgen präsentiert. Sherif Adels Comicserie imaginiert Ägypten im Jahr 3104 als ein Land, in dem sich nichts Großes im Vergleich zu heute geändert hat: Nach wie vor gibt es Korruption, Verkehrschaos, Schikanen und
politische Indifferenz. Was wohl die Außerirdischen dazu bewogen hat, dort zu landen?

Das Meer

Die britische Künstler*innengruppe The Otolith Group greift in ihrem Video Hydra Decapita den Mythos von „Drexciya“ auf, einem „schwarzen Atlantis“ im Atlantischen Ozean, um in einem filmischen Essay über den Zusammenhang von Globalisierung, Klimawandel und Finanzsystem nachzudenken. Die in Südafrika lebende Künstlerin Tabita Rezaire beschäftigt sich in Deep Down Tidal mit dem Meer als Speicher von Schmerzen, verlorenen Geschichten und Erinnerungen zur Zeit des Kolonialismus, während es heute gleichzeitig die globale Infrastruktur unserer gegenwärtigen Telekommunikation in sich birgt. Der Filmemacher Simon Rittmeier greift in seinem Film Drexciya den gleichnamigen Mythos auf, um mit den Mitteln der Science-Fiction von den heutzutage in den Medien zirkulierenden Bildern und der Diskussion über die „Flüchtlingskrise“ zu erzählen. Das legendäre Detroiter Techno-Duo Drexciya wird anhand einer repräsentativen Auswahl von Maxi 12″- Schallplatten, EPs und Alben sowie Hörbeispielen vorgestellt.

Die Technologie

Naked Reality ist ein afrofuturistischer Science-Fiction Film, der in einer Zukunft in 150 Jahren angesiedelt ist. Die Städte Afrikas sind in dem Film des kamerunischen Filmemachers Jean-Pierre Bekolo zu einer riesigen dystopischen Megalopole zusammengewachsen. Die Protagonistin Wanita verlässt eines Morgens das Haus, nicht wissend, dass ihr erstes Gebet zu den Vorfahren ihre Reise nach DIMSI initiiert hat – einer Welt, die man nicht sehen kann. Neïl Beloufa bat für Kempinski seine Interviewpartner in verschiedenen Städten Malis, sich in eine Zukunft zu versetzen, von der sie im Präsens sprechen. Ihre hoffnungsfrohen, poetischen und spirituellen Geschichten und Phantasien wurden zu einem Video kompiliert, das Realität und Science-Fiction, Ethnologie und Kritik miteinander verbindet und unsere exotischen Erwartungen und abgenutzten Stereotypen über Afrika klug unterwandert. Louis Hendersons Lettres du Voyant (Briefe des Sehers) ist ein filmischer Essay, der dokumentarische Mittel einsetzt, um über Spiritismus und Technologie im heutigen Ghana zu erzählen. Die Erzählung des Films kreist um eine mysteriöse Praxis namens „Sakawa“ – Internet Scam (betrügerische Massen-E-mails), der mit Voodoo-Magie angereichert ist. Der italienische Künstler und „Rasta-Coder“ Jaromil (Denis Roio) hat mit Dyne:bolic / Rastasoft ein Betriebssystem auf der Basis der Rastafari- Philosophie entworfen und programmiert. Als Programmierer nutzt Jaromil aus Prinzip freie Software und als Künstler entwirft er Projekte, deren zentrales Thema das Teilen von Ressourcen und die Zugänglichkeit von Technologie ist. Wanuri Kahius Film Pumzi, »Kenias erster Science-Fiction-Film« (Wired), spielt in einem futuristischen Afrika, 35 Jahre nach dem Dritten Weltkrieg, dem »Wasserkrieg«. In einer post-apokalyptischen Welt ist alles Leben von der Erde verschwunden und die Menschheit hat sich unter die Erdoberfläche zurückgezogen. Wasser ist zur wichtigsten Ressource geworden. Abu Bakarr Mansarays großformatige Zeichnung Ebola Virus Missile Industry erlaubt einen Blick in eine illegale Waffenfabrik. In dieser Fabrik, die an einem unbekannten Ort steht, werden furchterregende Langstrecken-Raketen hergestellt, die den Ebola-Erreger an weit entfernte Punkte der Erde tragen können. Der belgisch-beninische Fotograf Fabrice Monteiro kommentiert in seiner Fotoarbeit The Prophecy (Die Prophezeiung) die Umweltzerstörung in verschiedenen Regionen Afrikas. In seinen Bildern inszeniert er fantastisch anmutende Wesen, die er gemeinsam mit dem Designer Doulcy aus Dakar entworfen hat, in apokalyptischen Landschaften. Wangechi Mutus animierter Kurzfilm The End of eating Everything handelt von Konsum, Gier und Kontrollverlust, die wesentlich sind für die kapitalistischen Existenzweisen im 21. Jahrhundert. Sie lassen die collagenartigen Arbeiten Mutus lebendig werden. Der US-amerikanische Graffiti-Künstler und Hip-Hop-Musiker RAMMELLZEE trat in selbstgemachten Masken und Kostümen auf und verkörperte verschiedene Charaktere, die zusammen der mathematischen Formel RAMM:ΣLL:ZΣΣ entsprachen. Gasholeer ist eines dieser Kostüme: ein 148 Pfund schweres afrofuturistisches Exoskelett. Es ist inspiriert von dem Bild eines Androiden, das RAMMELLZEE 1981 in New York auf einen U-Bahn-Wagen gesprüht hatte.

Tech-Projekte

Die zwölf ausgewählten Tech-Projekte decken unterschiedliche Bereiche ab. BRCK (Kenia) ist ein Internetserver, der auch ohne stabile Stromversorgung Zugang zum Internet sicher stellt. M-PESA (Kenia) ist ein bargeldloses Zahlungsmittel, das über Mobiltelefone funktioniert und für das man kein Bankkonto benötigt. Uko Wapi (Deutschland) – deutsch: „Wo bist du?“ – ist eine innovative Adress-App, die Orte auch in Gegenden ohne existierendes Adress-System zuverlässig findet. Ein anderer wichtiger Bereich ist der der Gesundheit & Medizin: Robohand (Südafrika) stellt Körperprothesen (Finger, Hände, Beine) zum Selberausdrucken auf dem 3D-Drucker bereit – zu einem Bruchteil des Preises herkömmlicher medizinischer Prothesen. GiftedMom (Kamerun) ist eine App, die werdende Mütter mit nützlichen Informationen versorgt und zur sexuellen Aufklärung beiträgt. Chowberry (Nigeria) bekämpft den Hunger durch innovative Nutzung des Ablaufdatums von Lebensmitteln. CardioPad (Kamerun) hilft bei der medizinischen Diagnose in schwach besiedelten Gegenden und stellt eine direkte Verbindung zu Ärzten her. Und das Juakaliscope (Kenia) ist ein voll funktionsfähiges Mikroskop aus dem 3D-Drucker. Der nachhaltigen Nutzung der Sonnenenergie haben sich Kayoola Solar Bus (Uganda) und Shiriki Hub (Ruanda) verschrieben. CladLight (Kenia) ist dagegen eine selbstleuchtende Weste, die der Verkehrssicherheit von Mofa- und Motorradfahrern dient, während Educade (Südafrika) sich der (Schul-)BiIdung mittels umgebauter alter Spielkonsolen widmet.

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