Anders Petersen – Retrospektive im Marta Herford

Anders Petersen: Karlstad, Suède, 2000 © Anders Petersen / courtesy Galerie VU
Anders Petersen: Karlstad, Suède, 2000 © Anders Petersen / courtesy Galerie VU

(Pressemeldung) Mit seinen eindringlichen Schwarzweißporträts gehört der Schwede Anders Petersen (*1944) zweifellos zu den international einflussreichsten Fotografen. In der Ausstellung „Anders Petersen – Retrospektive“ zeigt Marta Herford anhand von etwa 150 Fotografien sein vielschichtiges Werk, in dessen Mittel-punkt oftmals die Begegnung mit Menschen aus gesellschaftlichen Randmilie-us steht: In Animierlokalen, Gefängnissen, psychiatrischen Anstalten und Pflegeheimen begab er sich die letzten fünfzig Jahre stets auf die Suche nach der schonungslosen Wirklichkeit des Menschen.

„Im Schwarzweiß existieren mehr Farben als in der Farbfotografie.“
(Anders Petersen)

„Für mich geht es beim Moment des Fotografierens auch um eine Nähe zu mir selbst. Um den Versuch, die Wirklichkeit zu erleben, anstatt sie lediglich darzustellen, und in diesem Erleben möglichst präsent zu sein. Manchmal ist es ein Glücksfall, man hebt die Kamera, und das Leben springt hinein wie ein Kaninchen. Alles wird bis zum Äußersten getrieben.“ (Anders Petersen)

Während eines Sprachaufenthaltes in Hamburg besuchte der achtzehnjährige Anders Petersen zufällig die Stehbierhalle Café Lehmitz, nicht unweit der Reeperbahn. Inmitten von Prostituierten, Zuhältern, Obdachlosen und Kleinkriminellen knüpfte er erste Kontakte und Freundschaften. Fünf Jahre später begann er ein Studium der Fotografie an der renommierten Fotoschule bei Christer Strömholm, dessen Freundschaft und fotografisches Werk ihn nachhaltig beeinflusste. Bei erneuten Aufenthalten im Café Lehmitz 1967 – 1970, mitten im bunten und verruchten Treiben dieser Kneipenszenerie, entstand seine legendäre Fotoreihe. „Wir tranken, wir tanzten, wir liebten einander, wir weinten und lachten“, resümiert Anders Petersen später.

Die entstandenen Aufnahmen zeigen nicht nur Menschen, denen die Gesellschaft eine Rolle als Außenseiter zuwies, sondern sie spiegeln zugleich ein Lebensgefühl jener Generation wider, die offen im Umgang mit Sexualität, Liebe und Gewalt jenseits allgemein gültiger Normen war. Der daraus entstandene Bildband „Café Lehmitz“ (1978) wurde zu einem der wichtigsten Fotobände des 20. Jahrhunderts. Als der Musiker Tom Waits die darin enthaltene Aufnahme „Lily und Rose“ zum Cover seiner Platte „Rain Dogs“ erwählte, hatte Anders Petersen schon längst Kultstatus erreicht.

„Ich suche eine Beziehung zu den Menschen, die ich fotografiere. Und das hat viel zu tun mit dem Verlangen, den Träumen, den Geheimnissen. Vielleicht auch mit unseren Alpträumen und Ängsten.“ (Anders Petersen)

Wie auch die Aufnahmen aus „Café Lehmitz“ sind viele seiner nachfolgenden Projekte autobiogra-phisch geprägt und scheuen sich nicht in eine schonungslose und drastische Realität abzutauchen. Als empathischer Menschenkenner sucht er stets die verborgenen, subjektiven Geschichten – immer mit dem Anspruch den Porträtierten nahe zu sein, sich mit ihnen zu identifizieren. Anders Petersen lässt so jede Fotografie ein Stück weit zu einem eigenen Selbstporträt werden. Die Retrospektive im Marta Herford zeigt Originalaufnahmen aus jeder Schaffensphase, darunter auch die tief berühren-den Fotoserien „Fängelse (1981-1983)“, die in einem Hochsicherheitsgefängnis entstand, „Rågång till kärleken (1991)“, als Studie von Bewohnern eines Altenheimes und „Ingen har sett allt/Mental hospital (1995)“, die Patienten einer psychiatrischen Anstalt porträtiert. Mit der kontinuierlichen Arbeit an seinen fotografischen Tagebüchern und Reisedokumentationen öffnet er den Blick auf ganz persönliche und intime Situationen, lässt am sozialen Leben anderer teilnehmen und präsentiert so eine fortlaufende Chronik von täglichen Begegnungen.

Unter Einfluss von sozialdokumentarisch orientierten Fotografen wie Ed van Elsken, Walker Evans und Gary Winograd bewegt sich Anders Petersen stets an die Grenzen des persönlich Erlebbaren. Mit der tiefen Überzeugung, dass die Schwarzweiß-Fotografie wesentlich nuancierter als jedes Farben-spiel ist, entstehen Momente, die von einer unaufhörlichen Lebensenergie geprägt sind und einen fast lyrischen Klang verspüren lassen.

Die Ausstellung entstand in Kooperation mit Blibliothèque nationale de France, Fotografiska Museet – Stockholm und Galerie Vu‘ – Paris.

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