Carl Lohse. Die Bilder 1919/21 im Ernst Barlach Haus Hamburg

Carl Lohse: Mann mit violetter Brille, 1919/21, Museum Bautzen

(Presseinformation) Ein Künstler, der um 1920 binnen kürzester Zeit ein fulminantes Œuvre schafft, als Hoffnungsträger gefeiert wird, seine Künstlerexistenz gegen ein Leben als Straßenbahnschaffner eintauscht und bis heute als Geheimtipp gilt: Der Hamburger Maler Carl Lohse (1895–1965) zählt zu den erstaunlichsten Querköpfen in der Kunst der Zwischenkriegszeit. Mit der ersten Lohse-Einzelschau seit Jahrzehnten – zugleich Museumspremiere in seiner Geburtsstadt Hamburg – lädt das Ernst Barlach Haus zu einer außergewöhnlichen Entdeckung ein.

Schon dem 14-jährigen Carl Lohse gelingt es, den Hamburger Kunsthallendirektor Alfred Lichtwark mit seinen Zeichnungen zu beeindrucken: »Er zeigt sich als ein so starkes Talent, dass ich seine Förderung aufs dringendste empfehlen kann.« Lichtwarks Fürsprache ermöglicht Lohse zunächst den Besuch der Malschule von Arthur Siebelist in Hamburg, danach ein Studium an der Kunstakademie in Weimar. Nach Kriegseinsätzen 1915/16 in Frankreich und drei Jahren in englischer Gefangenschaft zieht Lohse im Herbst 1919 nach Bischofswerda bei Dresden und erlebt dort bis zum Frühjahr 1921 eine geradezu rauschhafte Schaffensphase: In etwas mehr als einem Jahr entstehen etwa 130 Gemälde, dazu zahlreiche Zeichnungen und einige Gipsplastiken.

Von der Malerei Vincent van Goghs begeistert, mit dem Expressionismus von Brücke und Blauem Reiter vertraut, aufgeschlossen für die neuesten Spielarten von Kubismus, Futurismus und Konstruk- tivismus, dringt Carl Lohse 1919/20 rasant zu bemerkenswerter Eigenständigkeit vor: Gleichsam aus dem Stand malt er eindrückliche Figuren- und Landschaftsbilder, Industriedarstellungen, Stadt- ansichten und »kosmische« Kompositionen.

Ein Wechselspiel von großzügig abstrahierenden und kleinteilig wuchernden Formen verbindet sich in Lohses Bildern mit ausgeprägtem Rhythmusgefühl und koloristischem Wagemut. Doch beschränkt sich die Risikofreude nicht auf farbstarke Malerei: Auch in monochromen Gips-Porträtköpfen wagt sich Lohse (als Bildhauer-Autodidakt) zu einer avantgardistischen Dynamisierung der Formen vor und übersetzt innere Spannungen in komplexe räumliche Gebilde.

Lohse lässt sich nicht auf einen einheitlichen Stil festlegen. Virtuos und ohne Scheu experimentiert der ungestüme Expressive mit unterschiedlichen Bildsprachen. Dabei gelingen ihm wegweisende Formulierungen: Lohses malerische Vehemenz deutet auf die Figuration der Neuen Wilden, die plakative Kraft seiner Porträts auf Pop Art und Comic.

Eine Ausstellungsbeteiligung 1920 in der Galerie Arnold (als Gast der Dresdner Sezession Gruppe 1919, zu deren Mitgliedern auch Otto Dix und Conrad Felixmüller zählen) und eine umfassende Einzelschau 1921 im Kunstsalon Emil Richter in Dresden bringen Lohse begeisterte Kritiken, doch keine Verkaufserfolge. Lohse bricht radikal mit der Kunst, wird Zeuge Jehovas und geht noch im Frühjahr 1921 nach Hamburg zurück. In den folgenden acht Jahren lebt er von Gelegenheitsjobs, arbeitet als Bankbote und später als Straßenbahnschaffner bei der Hamburger Hochbahn. Erst nach 1929, erneut in Bischofswerda, wird Lohse wieder sporadisch als Maler aktiv – allerdings ohne den Furor der Werkphase 1919/21. Sie bleibt sein wesentlicher Beitrag zur Kunst des 20. Jahrhunderts.

In der Dresdner Galerie Neue Meister und im Museum Bautzen ist Carl Lohse dank bedeutender Sammlungskonvolute längst als Ausnahmeerscheinung der Moderne präsent – jenseits Sachsens ist eine solche Würdigung überfällig. Die Ausstellung Kraftfelder. Carl Lohse. Die Bilder 1919/21 stellt den Künstler nun umfassend vor. Sie vereint fünfzig Hauptwerke aus dem Albertinum in Dresden, dem Museum Bautzen, der Kunsthalle Rostock, dem Brandenburgischen Landesmuseum für Moderne Kunst Cottbus & Frankfurt (Oder) und aus privaten Sammlungen.

Der reich bebilderte Katalog zur Ausstellung erscheint im Sandstein Verlag Dresden.

Biographie

1919–21 Erste Schaffensphase

1919 Die ehemalige Siebelist-Mitschülerin Betty Herwig vermittelt Lohse die Einladung zu einem Arbeitsaufenthalt bei dem kunstsinnigen Armaturenfabrikanten Karl Hebenstreit in Bischofswerda bei Dresden. Ab Oktober arbeitet Lohse als Gast der Familie im Atelier von Hebenstreits Schwägerin, der Malerin Rose Scheumann. In einer intensiven Schaffensphase entsteht bis April 1921 das expressionistische Frühwerk: rund 130 Gemälde, zahlreiche Zeichnungen und einige plastische Werke. Lohse findet Aufnahme in den Freundeskreis der Familien Hebenstreit und Scheumann, zu dem unter anderem der spätere Schriftsteller Arnold Vieth von Golßenau (ab 1930 Ludwig Renn), der Schauspieler Erich Ponto, der Zwickauer Museumsdirektor Hildebrand Gurlitt, die Pianistin There Sita sowie die Maler Hans Christoph und Erna Lincke gehören. 1920 Kontakte zu den Künstlern der ›Dresdner Sezession Gruppe 1919‹. Als Gast der Gruppe beteiligt sich Lohse an einer Ausstellung in der Dresdner Galerie Ernst Arnold. 1921 Im April erste, umfassende Einzelausstellung im Kunstsalon Emil Richter in Dresden: Lohse zeigt 62 Gemälde, 17 Zeichnungen und 2 Gipsplastiken. Trotz begeisterter Rezensionen bleibt die Schau wirtschaftlich erfolglos. Noch im Frühjahr kehrt Lohse enttäuscht zur Mutter nach Hamburg zurück und gibt – wohl auch aus religiösen Zweifeln an der Berechtigung seiner Kunst – die Malerei ganz auf. Er schließt sich den ›Ernsten Bibelforschern‹, dann den ›Zeugen Jehovas‹ an und lebt von Gelegenheitsarbeiten. 1922 Austritt aus der evangelischen Kirche. 1923/24 Bankbote bei der Hamburger Privat-Bank von 1860. 1924–29 Straßenbahnschaffner bei der Hamburger Hochbahn. 1925 Im Juni Heirat mit Johanna Scheumann aus Bischofswerda. 1928 Geburt der Tochter Maria.

1929–39 Zweite Schaffensphase

1929 Nach acht Jahren ohne künstlerische Betätigung beginnt Lohse wieder zu malen. Im April Umzug mit Frau und Tochter nach Bischofswerda, Mitarbeit im Kolonialwarengroßhandel der Schwiegereltern. 1931 Geburt der zweiten Tochter Gerda. Einzelschau in der Kunstausstellung Kühl Dresden, die durchweg positiv besprochen wird. 1933 Haussuchung und Beschlagnahme von Büchern durch die Nationalsozialisten; als ›Zeuge Jehovas‹ steht Lohse unter polizeilicher Beobachtung; seine Kunst wird als »entartet« diffamiert. 1934 Folgt einer Einladung zum Malen nach Kötzschenbroda bei den Eltern der Künstlerfreundin Gussy Hippold. 1935–37 Sommeraufenthalte in Althagen und Wustrow an der Ostsee, Besuche bei der Mutter in Hamburg. 1939–45 Lohse gibt die Kunst wieder auf und arbeitet als Kaufmann in der Scheumannschen Großhandlung. Im Sommer 1943 fallen seine bis 1914 entstandenen Gemälde, die sich noch in der elterlichen Wohnung befanden, den Bombenangriffen auf Hamburg zum Opfer. Im April 1945 Einziehung zum ›Volkssturm‹ nach Tetschen-Bodenbach, im Mai Rückkehr nach Bischofswerda, Tod der Mutter. 1946 Beteiligung an der Ersten Allgemeinen Deutschen Kunstausstellung in Dresden. 1949 Das künstlerische Arbeiten tritt allmählich wieder in den Vordergrund.

1950–64 Dritte Schaffensphase

1950 Wiedersehen mit Ludwig Renn, den Lohse erneut mehrfach porträtiert. 1951 Eine Ausstellung im Stadtmuseum Zittau ruft im Zuge der Formalismus-Debatte heftige Kritik hervor. In der Lausitzer Rundschau wird Lohse als »Maler auf Irrwegen« geschmäht, der »mit fast allen formalistischen ›Ismen‹ der westlichen Dekadenz« experimentiere. 1957 Im Dezember Hausdurchsuchung und Verhör durch Beauftragte der Staatssicherheit wegen Lohses Zugehörigkeit zu den ›Zeugen Jehovas‹. Anträge auf Reisen nach Hamburg werden abgelehnt. 1958/59 Studienaufenthalte an der Ostsee mit dem befreundeten Maler Erhard Hippold. 1960 Wiedersehen mit dem Jugendfreund Otto Pankok in der Akademie der Künste in Berlin. 1962 Werke, die Lohse zur V. Kunstausstellung der DDR eingesandt hat, werden zurückgewiesen. 1964 Zur Ausstellung Unser Zeitgenosse in Berlin eingereichte Arbeiten werden ebenfalls abgelehnt. Im November/Dezember letzter Besuch bei der Schwester Emma in Hamburg. 1965 Am 3. Mai stirbt Carl Lohse in Bischofswerda.

Mehr unter ernst-barlach-haus.de

Beitrag kommentrieren