Die fotografierte Ferne – Fotografen auf Reisen (1880–2015)

Unbekannter Fotograf, Kyoto, Japan, 1875-1910, © Urheberrechte am Werk erloschen

(Presseinformation) Das Reisen ist seit mehr als 100 Jahren ein großes Thema der Fotografie. Mit Aufkommen des massenhaften Tourismus im späten 19. Jahrhundert entstand das Genre der Reisefotografie, das die Erwartungen an das Exotische in der Fremde bestätigte. Erst seit den 1920er-Jahren ist das Reisen für Fotografen auch Anlass für die künstlerische Auseinandersetzung mit den
kulturellen, politischen und sozialen Zuständen anderer Länder. Die Bilder entstehen als spontane Reaktion auf Unbekanntes oder im Zusammenhang mit vorher geplanten konzeptuellen Ideen.

Robert Petschow, Die Ernte. Ein eben abgemähtes Feld, die Mähmaschine läuft noch in der Feldmitte, um 1930, © Urheberrechte am Werk erloschen

Die Ausstellung vermittelt mit über 180 Bildern von 17 Fotografen eine Geschichte der künstlerischen Fotografie des 20. Jahrhunderts. Die verschiedenen Positionen veranschaulichen, wie sich Bildsprache und Wahrnehmung von der frühen Reisefotografie bis in unsere globalisierte Welt verändert haben.

17 Positionen in der Ausstellung

Unbekannter Fotograf, Japan, 1875-1910, © Urheberrechte am Werk erloschen

Seit ihrer Erfindung vor rund 170 Jahren hat die Fotografie maßgeblich unser Bild von der Welt geprägt. Mit dem aufkommenden Tourismus verbreiteten sich in der Mitte des 19. Jahrhunderts auch die ersten Reisefotografien. Im Prolog zur Ausstellung „Die fotografierte Ferne“ wird die Historische Reisefotografie aus dem Mittelmeerraum und Japan gezeigt, die von inszenierten Alltagsszenen bis hin zu realistischen Darstellungen von Landschaften und Bauwerken reicht. Es wurden so nicht nur Klischees und Stereotypen der Andersartigkeit und Exotik bestätigt, sondern auch ein eurozentrischer Blick auf die noch fremden Regionen geprägt.

Robert Petschow,
Viadukt von Eglisau in der Schweiz in der Morgensonne, um 1930,
© Urheberrechte am Werk erloschen

Robert Petschow (1888–1945) bereiste zwischen 1920 und 1939 ganz Deutschland mit dem Ballon, dem Zeppelin und später mit dem Flugzeug, baute ein Archiv von 30.000 Negativen auf und wurde zum bekanntesten Luftbildfotografen Deutschlands zwischen den Weltkriegen. Es verwundert nicht, dass ab den späten 1920er-Jahren auch das Flugbild Eingang in internationale Ausstellungen fand, denn hier waren genau die ungewohnten Perspektiven und Bildwelten der „Neuen Fotografie“ zu sehen: der Blick aus der Vertikalen und die Auflösung des Raumes.

Erich Salomon (1886–1944) reiste 1930 zum ersten Mal in die USA. Zu dem Zeitpunkt war er bereits prominent und galt als der Fotograf der politisch-gesellschaftlichen Welt in Europa. Salomons überraschende Bilder aus Nordamerika zeigen, dass er sich mit dem Verlassen der engen europäischen Grenzen und seines vertrauten Arbeitsgebiets nicht länger an seinen bewährten Darstellungsmustern festhalten brauchte. Statt wie bisher auf die atmosphärische Schilderung der Ereignisse zu setzen, reagierte er auf die neue Umgebung mit einem nüchternen dokumentarischen Stil.

Tim Gidal (1909–1996) begann 1929 zu fotografieren, um sein Studium zu finanzieren. Nachdem er sich in seiner Heimatstadt München an der Universität eingeschrieben hatte, lebte er in Berlin und pendelte häufig mit der Eisenbahn – dem zu dieser Zeit modernsten Massenverkehrsmittel. So ist es nicht verwunderlich, dass das Erlebnis einer solchen Reise einen jungen Fotoreporter dazu anregte, diese Erfahrung in Bilder zu übersetzen. Die Serie von 23 Motiven, die bisher völlig unbekannt geblieben ist, zeigt Szenen wie den Aufbruch, das Unterwegssein und die Ankunft.

Die Reisen, die Marianne Breslauer (1909–2001) im Sommer 1931 über die Grenzen Europas hinaus führten, veränderten ihr Selbstverständnis als Fotografin. Sie fuhr nach Jerusalem zur Hochzeit ihrer Schulfreundin und zusammen mit ihren Gastgebern nach Bethlehem, Hebron, an das Tote Meer und nach Alexandria. Die Bilder, die auf ihrer zweimonatigen Tour durch den Nahen Osten entstanden, haben weder den Charakter einer Reportage noch sind sie Reisebericht – es sind vorausbedachte Schnappschüsse. Die Essays und Reisebeschreibungen Ernest Hemingways und Kurt Tucholskys regten Breslauer und die befreundete Schriftstellerin Annemarie Schwarzenbach zwei Jahre später an, eine gemeinsame Spanienreise zu unternehmen.

Eine Reise nach Moskau zu den Weltjugendspielen 1957 war der entscheidende Durchbruch in der fotografischen Arbeit von Evelyn Richter (*1930) bei der sich ihre Bildsprache grundlegend veränderte. Verantwortlich dafür war neben dem Ortswechsel ein technischer Defekt, der nicht vorhersehbar, aber für ihr zukünftiges Arbeiten maßgebend war: Als ihre Mittelformatkamera versagte, eröffnete ihr der Wechsel zu einem handlichen Kleinbildapparat den Weg zu einer neuen Arbeitsweise, mit der sie von nun an das Leben auf den Straßen fotografierte.

1963 reiste Thomas Hoepker (*1936) im Auftrag der damals bedeutenden Hamburger Zeitschrift Kristall in die USA, um gemeinsam mit dem Journalisten Rolf Winkler das Land innerhalb von drei Monaten von der Ostküste zur Westküste und zurück zu durchqueren. Mit dieser Reise sollten Einblicke in ein Land gegeben werden, dessen mediale Wahrnehmung noch immer vom Leben in den Metropolen bestimmt wurde. Seine Bilder wurden zu einer Kritik am American Way of Life.

Im Oktober 1984 durchquerten die West-Berliner Hans Pieler (1951–2012) und Wolf Lützen (*1946) mit einem Kleinbus die DDR auf der Transitstrecke Hamburg – West-Berlin und zurück. Die Serie Transit erzählt von der bizarren Atmosphäre auf einer deutsch-deutschen Transitstrecke und dadurch auch von dem Verhältnis zwischen den beiden deutschen Staaten. Für die beiden Fotografen waren die Zustände auf den stark bewachten Straßen der DDR heikel: an der Grenze fanden massive Kontrollen statt, es war strengstens untersagt die vorgegebene Strecke zu verlassen und natürlich herrschte ein striktes Fotografierverbot.

Wie alle DDR-Bürger war Ulrich Wüst (*1949) von staatlichen Restriktionen betroffen, die es ihm bis in die späten 1980er- Jahre praktisch unmöglich machten, in den Westen zu reisen. Um mit dem drängenden Fernweh fertigzuwerden, griff Wüst mit der Serie Kopfreisen zu einer außergewöhnlichen Form der Sublimierung. Er suchte in seiner Lebensumgebung im Osten Deutschlands nach Bildern, die seinen Vorstellungen von der fernen Welt entsprachen und entdeckte so die Ägäis in Mecklenburg und die Toskana in Thüringen. Nach dem Fall der Mauer reiste Wüst tatsächlich in diese Welt. Daraus entstand die Werkgruppe Irrfahrten, mit der er ernüchtert belegte, dass die Realität mit der Illusion nicht nur nicht in Einklang zu bringen ist, sondern dass ihn die alltäglich

Kurt Buchwalds (*1953) Bilderserie Cala Sant Vicenç von 1991 zeigt Aussichten auf das azurblaue Meer, auf Felsen oder die mediterrane Vegetation. Das Irritierende an den stets aus der Zentralperspektive aufgenommenen Fotografien ist allerdings, dass beinahe der gesamte Bildraum von einem roten Rechteck eingenommen wird. Es versperrt die Sicht und lässt nur an den Rändern der Aufnahme das jeweilige Motiv erahnen. Der Blick auf die Schönheiten der Natur wird dem Betrachter wie von einem Stoppschild verweigert und sein Sehen so umgelenkt, dass er damit konfrontiert ist, seine eigenen Vorstellungen dieses Ortes zu (re)konstruieren.

Karl von Westerholt (*1963) reiste in den 1990er Jahren fünf Jahre um die ganze Welt und fotografierte Objekte und Orte, die im Laufe des modernen Massentourismus als Sehenswürdigkeiten angesehen wurden und sich damit im kollektiven Gedächtnis eingeprägt haben. Die Reisen des Käpt’n Brass, wie der Untertitel des dritten Teils von Die Welt in Auszügen lautet, ist neben der Problematisierung von Wahrnehmungsfragen, die die Fotografie als abbildendes Medium betrifft, auch eine Persiflage auf die weltreisenden Touristen, die sich mit ihren Fotografien wie Sammler durch die Welt bewegen und am Ende meinen, das Leben in der Fremde zu verstehen.

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, erhielt Max Baumann (*1961) 1998 das vom Berliner Senat vergebene sechsmonatige Stipendium für künstlerische Fotografie in Moskau. Statt auf die weiträumige Wirklichkeitswiedergabe traditioneller Stadtfotografie konzentriert er sich in engen Bildausschnitten auf Details, die eine metaphorische Ebene in die Fotografien bringen. Dadurch wird die Serie sprachlos zu einer Reflexion über die sozialistische Utopie, die sich an diesem historischen Ort zu einem scheinbar bedrängenden, geradezu märchenhaften Alptraum entwickelt hat.

Tobias Zielony (*1973) kam während seines Studiums im britischen Newport zu der Überzeugung, dass eine zeitgemäße dokumentarische Fotografie auf den Einfluss der modernen, global ausgerichteten Medienwelt reagieren müsse, wenn sie glaubwürdige Aussagen über den gegenwärtigen Zustand der Welt machen wolle. Er entwickelte eine Bildsprache, bei der sich die Grenze zwischen Dokumentation und Fiktion zwangsläufig verwischt und bei der er bewusst auf eine für den Fotojournalismus typische, in sich abgeschlossene Erzählstruktur verzichtete. Mit seiner Reise nach Trona aus dem Jahr 2008 wurde Zielony einer großen Öffentlichkeit bekannt. Die Fotografien zeigen Jugendliche in einer weitestgehend aufgegebenen Bergbausiedlung in der kalifornischen Wüste, die zwischen Inszenierung und Selbstinszenierung agieren.

Nachdem Wolfgang Tillmans (*1968) fast zehn Jahre lang vorrangig im Studio an abstrakten, medienreflexiven Bildern gearbeitet hatte, entschloss er sich Ende der 2010er-Jahre dazu, sich der Außenwelt und den Menschen wieder direkt auszusetzen. Zwischen 2009 und 2012 war er deswegen auf Reisen, um mit einem unbelasteten, frischen Blick auf das zu reagieren, was sich an der Oberfläche des Erlebten ablesen ließ. Denn dies war der eigentliche Sinn: in Bildern hinter den Fassaden der immer selben Dinge das Signifikante und Typische für diese Zeit sichtbar zu machen. So reihten sich an Fotografien von berühmten und populären Sehenswürdigkeiten solche von banalen Orten in entlegenen Gegenden der Welt. Es gab nichts, was es von vornherein nicht wert gewesen wäre fotografiert zu werden.

2010 bis 2011 absolvierte Heidi Specker (*1962) das begehrte Stipendium der Deutschen Akademie Rom Villa Massimo. Schon kurz nach ihrer Ankunft besuchte sie das Museum von Giorgio de Chirico. Von der ungewohnten Opulenz und Ausstrahlungskraft dieser Räume angeregt, beschloss sie, dass sie sich während ihres Stipendienaufenthalts mit der jüngeren italienischen Kunst befassen wollte. Hier begegnete ihr die auffällige Verknüpfung von Klassizismus und Moderne, die sie auch im Stadtbild Roms wahrnahm. Durch Aufnahmen im Stadtteil Esposizione Universale di Roma und im Ort Sabaudia, beide in den 1930er-Jahren unter Mussolini entstanden, verfolgte sie dazu die Frage, warum es den Italienern in Gegensatz zu den Deutschen gelungen war, sich mit der Architektur aus der Zeit des Faschismus zu versöhnen.

Hans-Christian Schink (*1961) fuhr im Frühjahr 2012 für ein dreimonatiges Stipendium des Goethe-Instituts in die Villa Kamogawa nach Kyoto. Genau ein Jahr nach dem verheerenden Tsunami wollte er sich sein eigenes Bild von der Lage vor Ort machen. Seine Aufnahmen sind behutsame Bestandsaufnahmen dieser Katastrophe. Bei längerem Betrachten finden sich jedoch mehr und mehr Indizien dafür, dass hier etwas Außergewöhnliches geschah. Durch die Abwesenheit von Menschen und durch den wolkenlosen grauen Himmel widersetzten sich die aus der Totale aufgenommenen Landschaftsfotografien einer zeitlichen Zuschreibung.

Zwischen Juni und Oktober 2012 reiste Sven Johne (*1976) für seine Arbeit Griechenland-Zyklus immer wieder in das Land und begab sich auf Spurensuche, um seine Bilder der Krise zu finden. Der nächtliche Sternenhimmel wurde dabei zum verbindenden Motiv, den er an touristischen Orten auf dem Festland und auf den griechischen Inseln aufnahm. Ausgangspunkt seiner Arbeiten sind Zeitungsmeldungen, die von Menschen und Milieus am Rande der Gesellschaft sowie von Motiven des Scheiterns handelten und die er zu kurzen Geschichten verdichtete. In der Serie werden die Fotografien vom Sternenhimmel mit diesen Texten kombiniert, wodurch den Bildern eine gesellschaftliche und politische Dimension hinzugefügt wird.

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