Die Jetztzeit der Monster – What Comes After Nations?

Foto © Lonneke van der Palen – Souvenir

(Presseinformation) Eine zentrale politische Ordnungsidee prägt die Gegenwart: der Nationalstaat in seinem globalen Regelwerk, wie er als neue Weltordnung nach der Pariser Friedenskonferenz 1919 entstanden ist. Er hat sich so tief in das heutige Denken eingeschrieben, dass andere Formen politischer Organisation kaum mehr vorstellbar sind. Die Jetztzeit der Monster widmet sich – in Anknüpfung an eine Eintragung aus Antonio Gramscis Gefängnisheften – den gegenwärtigen Erscheinungsformen des nationalstaatlichen Ordnungsgefüges, untersucht seine Ausschlussmechanismen sowie die darin strukturell verankerte Gewalt und stellt die entscheidende Frage: Was ist jenseits des Nationalstaats denkbar? Vom 23.-25. März legen internationale Künstler*innen, Theoretiker*innen und Schriftsteller*innen in Präsentationen, Lecture-Performances, Diskussionsrunden und Konversationen strukturelle Unzulänglichkeiten des Nationalstaatensystems offen, nehmen gegenläufige Bewegungen auf und zeichnen ein Porträt gegenwärtiger staatlicher Verfasstheit.

Vier Themenfelder strukturieren die drei Tage: Das Nationalstaatensystem. The Abandoned Futures in the Era of Nations fragt, wie es dazu kam, dass der Nationalstaat alle anderen Vorstellungen politischer Organisation ablösen konnte und was in diesem Prozess verloren gegangen ist. Der Historiker Cemil Aydin blickt aus nicht-westlicher Perspektive auf den Übergang vom Imperium zur Nation. Die Schriftstellerin Ann Cotten fragt, mittels welcher Sprache man über den Nationalstaat sprechen kann. In einer Performance, die der Künstler Kudzanai Chiurai entwickelt hat, greift er die verschaltete Vergangenheit und Gegenwart des (Post-)Kolonialismus auf und sucht nach Möglichkeiten einer emanzipatorischen Zukunft.

Ungleichheit und asymmetrische Machtverhältnisse im internationalen Staaten- und Rechtssystem werden in Der Zivilisationsstandard. Asymmetries of the International System thematisiert. Der Rechtswissenschaftler Antony T. Anghie, die Künstlerin und Kulturtheoretikerin Brigitta Kuster und der Anthropologe David Scott unterziehen diese Geschichte der Kontinuität einer eingehenden Lektüre. Eine Installation des Künstlers Christian Nyampeta macht den historischen Verlauf für das Publikum erfahrbar und ermöglicht gegenläufige Lesarten. Krieg und Recht befragt mit der Autorin Slavenka Drakulić, der Soziologin Avery F. Gordon und dem Rechtswissenschaftler und Anwalt Ramzi Kassem den humanitären Anspruch des Kriegsrechts und zeigt die Gewalt auf, die in diesem rechtlichen Rahmen vervielfacht wird. In Vom „Recht auf Handel“ zur „Good Governance“ untersuchen der Schriftsteller In Koli Jean Bofane, der Rechtswissenschaftler und Autor Lawrence Liang und die Globalisierungskritikerin Susan George die Institutionen des internationalen Systems, die ungleiche Wirtschaftsbeziehungen schon seit Jahrhunderten erhalten – in unseren Tagen durch Auflagen für Entwicklungshilfe, Schuldensysteme und die Ausbeutung von Rohstoffen.

Wie lässt sich heute über Migration sprechen? Auf welche Weise wird das Recht (das Recht, Rechte zu haben) im Kontrast zum (nationalen) Gesetz verhandelt? Und wie ermöglicht Migration, politische Strukturen auf den Prüfstand zu stellen und radikal anders zu denken? Diesen Fragen gehen in Migration. A Political Movement unter anderem die Politikwissenschaftler*innen Sandro Mezzadra und Kim Rygiel, der Autor und Jazzpianist Zoran Terzić und die Künstler*innen Patrick Bernier und Olive Martin nach.

Staatstechnologien. A Portrait of Contemporary Power widmet sich den gegenwärtigen Transformationen des Nationalstaatensystems unter dem wachsenden Einfluss von Technologie und globalen Finanzkreisläufen. In sechs thematischen Vertiefungen richten die Teilnehmer*innen ihren Blick auf die Staatstechnologien Infrastruktur, Finanz, Daten, Management, Gewalt und Demokratie. So spricht die Schriftstellerin Samar Yazbek über Syrien, das, wie so viele Länder, den Konflikt als Geschichte verinnerlicht hat. Der Soziologe und Rechtswissenschaftler Boaventura de Sousa Santos blickt vom globalen Süden auf das Erbe des europäischen Nationalstaats: Welche neuen Solidaritäten und Gemeinschaften, Parteien und Bewegungen sind aus dieser Perspektive am Entstehen?

In einer Reihe von Konversationen vertiefen die Teilnehmer*innen aktuelle Fragestellungen zum Nationalstaatensystem: Welche Menschen haben Menschenrechte? Wessen Interessen setzen sich durch: die Forderungen der internationalen Finanzen oder die Anliegen der Bevölkerung? Wie lässt sich die Zukunft von der Vergangenheit befreien – und vice versa?

Mit: Antony T. Anghie, Arjun Appadurai, Cemil Aydin, Patrick Bernier & Olive Martin, In Koli Jean Bofane, Kudzanai Chiurai, cinéma copains (Arne Hector & Minze Tummescheit), Ann Cotten, Slavenka Drakulić, Keller Easterling, Susan George, Avery F. Gordon, Bernd Kasparek, Ramzi Kassem, Brigitta Kuster, Lawrence Liang, Charles Lim Yi Yong, Sandro Mezzadra, Christian Nyampeta, Kim Rygiel, Isabelle Saint-Saëns, David Scott, Boaventura de Sousa Santos, Felix Stalder, Hito Steyerl, Zoran Terzić und Samar Yazbek

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