GEDIEGENER SPOTT. Bilder aus Krähwinkel im Museum LA8 in Baden-Baden

C.G.H. Geißler (1770-1844) [J.B. Wunder
(1786-1858) sc.]: Wie die jungen Krähwinkler
Maler auf einer Kunstreise das Land durchstreifen, o.J., kol. Kupferstich, Slg. D. Ante, Foto: Dieter Ante
(Pressemitteilung) Ab 24. März 2018 zeigt das Museum LA8 in Baden-Baden die Ausstellung
„GEDIEGENER SPOTT. Bilder aus Krähwinkel“. Das Biedermeier zwischen 1815
und 1848 bestand nicht nur aus behaglichen Möbeln, Hausmusik und unpolitischer
Privatheit. In den bürgerlichen Wohnstuben wurde manchmal laut gelacht, und
zwar über die lustigen Grafiken, die das absurde Treiben der anständigen Bürger
in Krähwinkel zeigten. Die beliebten Drucke bestanden immer aus einer
sprichwortartigen Unterzeile und einem Bild, das den traditionellen Sinn einer
Redensart ins Anarchisch-Komische umsetzte. Zu sehen war dann etwa, wie eine
Schöne ihren Verehrer buchstäblich an dessen (seltsam langer) Nase herumführt.
Doch als altehrwürdige Sprichwörter nicht mehr Ordnung und Sinnzusammenhang
gewährleisteten, bekam die geschlossene Idylle einen Knacks und öffnete sich für
die Bildbetrachter durch ihr eigenes verblüfftes Lachen.

Das Biedermeier stand für den Versuch, in einer Phase tiefgreifender
wirtschaftlicher, politischer und sozialer Umbrüche persönlichen und familiären
Halt zu finden an harmonisch gestalteten Gegenständen: vor allem an Möbeln,
auch an ansehnlicher, dabei zugleich praktisch schlichter Kleidung, an
volksliedhaft kurzen Dichtungen, an Musikinstrumenten, die man zu Hause
spielen konnte. Für die Besucher der Ausstellung wird das Gediegene der Epoche
erfahrbar durch historisches Mobiliar. Ergänzt wird das (allzu) Behagliche durch
Puppenstuben des 19. Jahrhunderts, erlebte doch das Puppenhaus seinen ersten
großen Aufschwung als massenhaft hergestelltes Spielzeug im Biedermeier.
Womöglich mehr noch als reale Wohnräume wurde die Puppenstube zum Idealort
des kindlich unpolitischen Rückzugs ins Private.

Einen ganz anderen Raum eröffneten die spöttischen, konfliktfähigen Bilder aus
Krähwinkel. Mit über 200 Drucken aus der Sammlung Dieter Antes präsentiert die
Ausstellung erstmals einen umfassenden Überblick über die unbekannte,
spöttisch-subversive Bilderwelt des Biedermeier, die zugleich die politisch
turbulente Vormärz-Zeit ist. In den Grafiken fanden die Künstler einen Weg, in
Form bildlicher Ambivalenzen auch das Ungelöste und Verdrängte zu zeigen – die
Unkosten der biedermeierlichen Lebenseinrichtung. Diese sah für jede Kommode
und jedes Sofa den richtigen Platz vor, mit der seelischen Inneneinrichtung aber
wurde wesentlich unbeholfener und sparsamer umgegangen. Bildstrukturelle
Voraussetzung für diese Fähigkeit, den Bildbetrachtern neue und aktuelle
Wahrheiten vor Augen zu führen, ist die kindlich strikte Weigerung, den
Erklärungsmustern der Sprichworte und deren Weisheiten zu folgen. Wie Kinder,
die bestimmte Abstraktionen noch gar nicht nachvollziehen können, verweigern
die Krähwinkler Text-Bild-Unfälle jeden Einstieg in höhere Vorstellungen,
allegorisch kodierte Besserwisserei, akademisch-philosophisches Geschwafel
oder großtuerische Militärsprache. Aus der Mitte der braven Biedermeier-Welt
entsprang eine anarchistische Komik, eine infantile Unterbietungsstrategie.
Diesen scheinbar kindlichen Humor in Bildern konnten Obrigkeit und Zensur kaum
so effizient unterdrücken wie die politische Dichtung des Vormärz.
Die Ausstellung ist bis zum 2. September 2018 zu sehen und entstand in
Zusammenarbeit mit dem Wilhelm Busch – Deutschen Museum für Karikatur und
Zeichenkunst, Hannover.

Mehr unter www.la8.de

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