Jean Fautrier im Kunstmuseum Winterthur

In der französischen Malerei des 20. Jahrhunderts ist der 1898 geborene Jean Fautrier eine singuläre Figur. Im Kunstmuseum Winterthur, wo die französische Malerei an der Schwelle zum 20. Jahrhundert so reich vertreten ist, drängte sich eine Ausstellung von Fautriers Werk auf, zumal das Museum als einziges in der Schweiz Gemälde und Zeichnungen des Künstlers besitzt und die letzten Retrospektiven – 1980 in Köln, 1989 in Paris, 2004 in Martigny – lange zurückliegen. Gezeigt werden 80 Gemälde und 20 Skulpturen, die hauptsächlich aus privaten Sammlungen in Deutschland und der Romandie stammen, ergänzt durch wichtige Werke aus Pariser Museen und Sammlungen. In zwei Arbeitsphasen – um 1928 und um 1940 – wandte sich Fautrier der Skulptur zu. Sein schmales und wenig bekanntes plastisches Werk wird hier beinahe vollständig gezeigt.

Jean Fautriers Werk beginnt in den 1920er Jahren, doch steht er weder in der Nachfolge des Impressionismus, noch zählt er sich zu den Avantgarden, zu den Nachfolgern des Kubismus oder zum beginnenden Surrealismus. Fautrier kommt aus der expressiven, realistischen Malerei Nordfrankreichs und Flanderns, und Mitte der 1920er Jahre malt er Akte und Stilleben in Schwarz auf schwarzem Grund, in den er in feinen Linien die Konturen von Gegenständen kratzt. Die bewegte, sich zusehends vom Gegenstand lösende Zeichenlinie wird ein wesentliches Merkmal seiner Arbeit. In den darauffolgenden Bildern treten Blumen und Früchte zart und unbestimmt aus dem nun helleren, grauen Grund, als ob sie aus der Erinnerung an die französische Stillebenmalerei des 18. Jahrhunderts gemalt wären. Aufenthalte in Südfrankreich und in den Alpen und vor allem der Auftrag für die Illustration von Dantes Inferno führen Fautrier Ende der 1920er Jahre zu einer eigenen Version der Abstraktion, die aus der malerischen Geste ebenso wie aus der Materialität der Farbe resultiert. Mit der Wirtschaftskrise brechen Fautriers Verkäufe abrupt zusammen, und er zieht sich für mehrere Jahre in die Savoyer Alpen zurück, wo er sein Leben als Hotelier und Skilehrer fristet. 1940 ist Fautrier wieder in Paris, und während der Kriegsjahre entwickelt er hier eine neue Form des Bildes, in dem die Materie an die Stelle des abwesenden Gegenstands – Landschaft oder Körper – tritt. 1945 präsentiert Fautrier die Bilder, die ihn bekannt machten – die Gruppe der Otages. Die Gesichtszüge der gemarterten Figuren lösen sich in der Materie auf – dies ist der Beginn der informellen Malerei. Mit dem Titel seiner 1949 erschienenen Monographie, Fautrier l’enragé, charakterisierte der Kritiker Jean Paulhan das heftige Wesen des Malers, der über die etablierten Werte hinausging. Erneut zwingen finanzielle Umstände Fautrier, seine Arbeit zu unterbrechen, und erst 1955 kehrt er dazu zurück. Es sind Alltagsobjekte, erotische Obsessionen und die vom Ungarn-Aufstand angeregten Têtes de partisan, mit denen Fautrier nun seine Grundthematik – Sinnlichkeit und Zerstörung – realisiert. 1960 wird er an der Biennale von Venedig mit dem Grossen Preis gefeiert. Fautrier stirbt 1964 kurz nach seiner ersten Retrospektive in Paris.

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