Jerusalemer Gespräche in der Bundeskunsthalle Bonn

Middle East. Melting Pot of Humankind

Der Nahe Osten ist ein Schmelztiegel der Menschheit. Hier traf der Homo Sapiens, aus Ostafrika kommend, im heutigen Israel auf den Neandertaler. Kooperierten sie, oder bekämpften sie einander? Wir wissen es nicht. Wir wissen aber, dass der Neandertaler von der Erde verschwand, während sich der Homo Sapiens unaufhaltsam weiterentwickelte. Und er schuf Großes: Er fand von Ur-Lauten zur Sprache, er entwickelte die Landwirtschaft, die die Menschen ernähren konnte, vermutlich erfanden die Sumerer in Mesopotamien die Schrift, und das jüdische Volk schuf aus religiöser Überlieferung die schriftliche Form seines Glaubens (Tora).
Aber schon immer verflochten sich im Nahen Osten auch jahrtausendealte politische Interessen, später führten mangelndes Verständnis zwischen Orient und Okzident, sowie unterschiedliche soziale und ökonomische Lebensgrundlagen zu Gewalt und Kriegen.

Dabei spielten und spielen vorgeschobene wie tatsächliche Interessen dreier Weltreligionen eine große Rolle. Jerusalem, die Heilige Stadt, eine Erinnerungslandschaft zweier Völker, wurde zum Inbegriff beider Nationalitäten, und ihre Ansprüche liegen seit dem 20. Jahrhundert in erbittertem Widerstreit.
Warum ist gerade der Nahe Osten ein „Melting Pot of Humankind“?

Diese Frage diskutiert Judith Schulte-Loh unter anderen mit David Grossman, Ágnes Heller und Dieter Vieweger.

Der Schriftsteller und Friedensaktivist David Grossman, 62, ist in Jerusalem geboren und gehört zu den bedeutendsten Vertretern der israelischen Gegenwartsliteratur. 2008 erhielt er den Geschwister-Scholl-Preis, 2010 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels; bei der Laudatio lobte Joachim Gauck Grossman als „Symbol der Friedensbewegung“.

In mehreren Büchern hat er sich kritisch zum Nahostkonflikt geäußert. Grossman gehört zu den Unterzeichnern der Genfer Friedensinitiative von 2003. Im August 2006 forderte er gemeinsam mit Abraham B. Jehoshua und Amos Oz von Israels Regierungschef Ehud Olmert ein sofortiges Ende der Kämpfe im Libanon. Wenige Tage später fiel sein zweiter Sohn Uri im Südlibanon, während Grossman an seinem Buch „Eine Frau flieht vor einer Nachricht“ schrieb.

Àgnes Heller zählt zu den wichtigsten Philosophinnen des 20. und 21. Jahrhunderts. Sie wurde 1929 in Budapest geboren und entkam während des Holocausts nur knapp einer Deportation. In den Jahren danach wurde sie als Mitglied der »Budapester Schule« um den neomarxistischen Philosophen Georg Lukács jahrzehntelang vom kommunistischen Regime unterdrückt, bevor sie 1977 nach Australien emigrierte. 1986 wurde Heller Nachfolgerin von Hannah Arendt auf deren Lehrstuhl für Philosophie an der New School for Social Research in New York. Heute lebt sie wieder in Budapest.

Der alttestamentliche Theologe und Biblische Archäologe Dieter Vieweger, 1958 in Karl-Marx-Stadt geboren, ist seit 2005 Direktor des Deutschen Evangelischen Institutes für Altertumswissenschaft des Heiligen Landes in Jerusalem und Amman und lehrt zudem an den Universitäten in Wuppertal und Witten-Herdecke. Sein Buch „Streit um das Heilige Land“ macht die Vielschichtigkeit der historischen und gegenwärtigen Interessenlage in ihrer Komplexität nachvollziehbar und fassbar. In einem Interview konstatierte er: „Jerusalem ist eine große Erinnerungslandschaft.“

Weitere Beiträge aus der Reihe

„Heimat – Ein brüchiges Gefühl“

Kann man sich Heimat machen? Egal wo? Ist Heimat ein German Gefühl? Die einen sehnen sich ein Leben lang nach ihr, die anderen wissen genau, wo sie ist, die einen sagen, sie befände sich nur in ihrem Kopf, andere bestreiten lakonisch ihre Existenz, wieder andere müssen sie verlassen, um vielleicht eine neue zu finden. Heimat und Fremde gehören zusammen.

Die meisten Menschen denken wenig über ihre Heimat nach, solange sie nicht bedroht oder verloren ist. Erst dann beginnen sie, sie zu vermissen – und verstehen oft gar nicht genau, was ihnen eigentlich fehlt. Manche Menschen träumen ihr Leben lang davon, wieder nach Hause zurückzukehren. Und wenn sie es schließlich tun, finden sie dort keine Heimat mehr.

Judith Schulte-Loh diskutiert unter anderen mit Lizzie Doron, Gila Lustige, José F. A. Oliver und Shahin Najafi. Als Ersatz für die leider erkrankte Ester Bejarano konnte Botschafter i.R. Mordechay Lewy gewonnen werden. Die Diskussion wird simultan deutsch-englisch übersetzt.

Mordechay Lewy, 1948 in Afula /Israel geboren. Seit 1975 im diplomatischen Dienst Israels. Er war 2. Botschaftssekretär für Presse und Information in Bonn, Generalkonsul in Berlin (1991- 1994), Botschafter in Bangkok (1994- 1997) , Sonderberater des Jerusalemer Bürgermeisters für christliche und muslimische Angelegenheiten (2004-2008) und zuletzt Botschafter am Heiligen Stuhl (2008- 2012). Wohnt seitdem in Bonn.

Lizzie Doron, 1953 geboren, wuchs als Kind von Holocaust-Überlebenden in Tel Aviv auf. Mehrere Romane der israelischen Schriftstellerin wurden ausgezeichnet, so Ruhige Zeiten mit dem Buchman-Preis von der Gedenkstätte Yad Vashem. Ihr 2015 erschienener dokumentarischer Roman Who the Fuck Is Kafka erzählt von der Annäherung zwischen einer Israelin und einem Palästinenser. Die deutsche Ausgabe ist die erste weltweit. Auf hebräisch ist das Buch noch nicht erschienen.

Gila Lustiger wurde 1963 als Tochter des deutsch-jüdischen Historikers Arno Lustiger in Frankfurt am Main geboren. Sie ging 1981 nach Israel, um an der Hebräischen Universität in Jerusalem Germanistik und Komparatistik zu studieren. Lustiger lebt seit 1987 als Verlagslektorin, Übersetzerin und Autorin in Paris. Ihre Bücher wurden vielfach ausgezeichnet, ihr Roman Die Schuld der anderen wurde zum Bestseller.

José F. A. Oliver wurde 1961 als Sohn einer spanischen Gastarbeiterfamilie in Hausach/Schwarzwald geboren. Als deutschsprachiger Schriftsteller verfasst er Gedichte, Kurzprosa und Essays zu kulturpolitischen Themen. 2015 erschien Heimatt: Frühe Gedichte. Das Sydney Opera House hat seine Gedichte tänzerisch umgesetzt. 2015 wurde er mit dem Basler Lyrikpreis ausgezeichnet.

Shahin Najafi, 1980 geboren, ist ein iranischer Sänger, Songwriter, Rapper und Gitarrist. Er wanderte 2005 nach Deutschland aus.

Alle Informationen: bundeskunsthalle.de

Über die Veranstaltungsreihe

Diese neue Diskussionsreihe in der Bundeskunsthalle widmet sich dem Austausch zu aktuellen gesellschafts- und kulturpolitischen Themen weltweit.

Internationale Gäste aus Europa, Deutschland und Israel kommen in Bonn zusammen, um mit der Moderatorin Judith Schulte-Loh zu diskutieren. Die Auftaktdiskussion steht unter dem Titel „Heimat – Ein brüchiges Gefühl“.

Die Reihe findet ihr Pendant in den bereits seit 2014 in der Cinemateque in Jerusalem stattfindenden Jerusalem Talks, initiiert und geleitet von der deutschen Autorin und Filmemacherin Ina Fuchs. Nach Bonn übertragen, widmen sich die Gespräche Themen, die einen neuen Blick auf gesellschaftliche Phänomene, aktuelle politische Strömungen und deren universelle Dimension werfen und unterschiedliche Perspektiven aufzeigen.

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