Karl Schmidt-Rottluff und die außereuropäische Kunst im Bucerius Kunst Forum

Karl Schmidt-Rottluff
Die schwarze Maske, 1956
Brücke-Museum Berlin
Karl und Emy Schmidt-Rottluff Stiftung
© VG Bild-Kunst, Bonn 2017
(Presseinformation) Die Ausstellung Karl Schmidt-Rottluff: expressiv, magisch, fremd untersucht erstmals die Faszination des berühmten „Brücke“-Künstlers für außereuropäische Kunst und Kultgegenstände und seine lebenslange Rezeption der für ihn magischen Kraft dieser Objekte. Das Bucerius Kunst Forum präsentiert vom 27. Januar bis 21. Mai 2018 rund 80 Arbeiten des „Brücke“-Künstlers Karl Schmidt-Rottluff aus über 50 Schaffensjahren, darunter Skulpturen, Gemälde, Aquarelle, Zeichnungen und Druckgrafik. Die Werke werden in direkten Dialog mit afrikanischen und ozeanischen Objekten aus der umfassenden ethnografischen Sammlung des Künstlers gesetzt, der bereits als junger Mann begann, außereuropäischer Kunst und Kultgegenstände zu sammeln. Die Ausstellung präsentiert neue wissenschaftliche Erkenntnisse über den Nachlass des Künstlers und veranschaulicht, wie Schmidt-Rottluff stilistische und inhaltliche Anregungen umsetzte und darüber hinaus Motive direkt in seine Bilder übernahm.

Die Faszination für afrikanische und ozeanische Figuren und Masken zeigt sich im gesamten Œuvre Karl Schmidt-Rottluffs. Der gebürtige Chemnitzer (1884-1976) begann bereits in den 1910er Jahren, außereuropäische Kunst zu sammeln. Eines der ersten Zeugnisse der künstlerischen Auseinandersetzung ist eine Postkarte, die Schmidt-Rottluff 1909 an den befreundeten „Brücke“-Maler Erich Heckel schrieb, auf der er eine Figur aus Kamerun skizzierte. Die dargestellten Objekte solcher früher Zeichnungen sah er vermutlich in Hamburg – damals Hauptumschlagplatz für Waren aus den deutschen Kolonien in Afrika und der Südsee – wo er sich 1910 ein Atelier einrichte.

Durch die berühmte Hamburger Kunsthistorikerin Rosa Schapire knüpfte Schmidt-Rottluff zur gleichen Zeit zahlreiche Kontakte zu Kunsthändlern und Sammlern und erwarb weitere Objekte für seine eigene Ethnografica-Sammlung. 1915 erhielt Karl Schmidt-Rottluff von Schapire ein Exemplar von Carl Einsteins „Negerplastik“. Das Werk zeigt 119 Abbildungen afrikanischer Masken und Skulpturen. Erstmalig wurde damals der Versuch unternommen, afrikanische Objekte als Kunst zu definieren. Vielfach lassen sich Parallelen zwischen denen im Buch abgebildeten Werken und Arbeiten Schmidt-Rottluffs feststellen, der zu diesem Zeitpunkt bereits begonnen hatte, außereuropäische Kunst in seinen Gemälden darzustellen. Auch in seinen Plastiken spiegelt sich die Auseinandersetzung mit der Ästhetik und der Durchgeistigung außereuropäischer Stammeskunst wider, darunter Grünroter Kopf, (1917). In den Jahren des Ersten Weltkrieges, als Schmidt-Rottluff in Litauen und Russland stationiert war, schlug sich die Faszination des Künstlers für ozeanische und afrikanische Kunst vor allem im Medium des Holzschnitts und der Radierung nieder. Insbesondere in der ornamentalen Gestaltung

von Flächen und den Proportionen von Figuren, die häufig Merkmale wie große Köpfe, hervorgehobene Brüste und kurze Gliedmaßen aufweisen. Der Weg über den Holzschnitt und die Plastik war für die Stilfindung Schmidt-Rottluffs äußerst wichtig. Was sich in seinen Holzschnitten der Vorkriegsjahre schon andeutete, arbeitete er in dieser Zeit plastisch aus und nähert sich auch in Technik und Material seinen Vorbildern. Über 30 aus Holz geschnitzte Figuren und Köpfe entstanden in dieser Phase, darunter Blauroter Kopf (Panischer Schrecken) (1917), der durch seine konkave Gesichtsform und den kreisrund gespitzten Mund deutliche Assoziationen an afrikanische Masken weckt.

Seit 1920 verbrachten Karl und Emy Schmidt-Rottluff die Sommermonate zurückgezogen in Jershöft an der Ostsee. Eindrückliche Naturlandschaften wie Aufgehender Mond (1920) entstanden während dieser Aufenthalte. Mit Künstlerkollegen unternahm Schmidt-Rottluff daneben bis 1930 mehrere Reisen, u.a. nach Italien. Es entstanden zahlreiche Natur- und Ruinenlandschaften mit stiller, entrückter Atmosphäre wie Campagnalandschaft (1931), die von unheilvoller Stimmung geprägt sind. Die Landschaften erhalten durch den Einsatz von Licht und Schatten einen surrealen, traumhaften Charakter und verweisen auf eine Wirklichkeit hinter den Dingen. Dieser magische Ausdruck der Bilder lässt sie in Beziehung treten zu den außereuropäischen Objekten, die in der Regel aus rituellen Kontexten stammen. Die Bilder der 20er und 30er Jahre verraten eine Beschäftigung des Künstlers mit „Neuer Sachlichkeit“ und „Magischem Realismus“, ohne dass er sich jedoch in diese Stilrichtungen einordnen ließe.

Während des Dritten Reiches wurde Karl Schmidt-Rottluff als „entarteter Künstler“ diffamiert und zog sich in die „innere Emigration“ zurück: Es entstanden Stillleben mit magisch-entrückter Stimmung, die als stiller Dialog mit Göttern und Schutzgeistern verstanden werden können. Nachdem Schmidt-Rottluff ab 1936 Ausstellungsverbot unter dem NS-Regime erhielt, fanden zusehends mehr außereuropäische Objekte Einzug in seine Kunst. Dies gilt ebenfalls für die seit den 50er Jahren entstandenen Stillleben, die in ihrer Farbenpracht einen weiteren Höhepunkt im Schaffen des Künstlers markieren, darunter Afrikanisches (1954), das eine Büffelmaske aus der Sammlung des Künstlers abbildet. Auch eigene Arbeiten aus seinem Frühwerk wurden nun zum Motiv, wie ein Kerzenständer aus Holz, der in das Stillleben Die schwarze Maske (1956) integriert wurde.

Nach Ende des Zweiten Weltkrieges ist die wiederkehrende Kraft in Karl Schmidt-Rottluffs Farbenstürmen zu spüren, so auch in Landschaft mit Brücke (1955). Wie ein roter Faden zieht sich die Begeisterung für außereuropäische Kunst und Kultgegenstände durch sein künstlerisches Schaffen bis hin in sein monumentales Spätwerk: In ausdrucksstarken Stillleben rezipierte der Künstler nun seine eigenen plastischen Werke der 1910er Jahre gemeinsam mit Objekten aus seiner ethnografischen Sammlung.

Die Ausstellung entsteht in Kooperation mit der Karl und Emy Schmidt-Rottluff Stiftung.

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