Surreale Sachlichkeit in der Sammlung Scharf-Gerstenberg

Ernest Neuschul, Aussig 1895–1968 London: Die Plätterin, vor 1930 | Öl auf Leinwand, 65 x 46 cm | © bpk / Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / Jörg P. Anders | © Khalil und Misha Norland (Söhne in England)
Ernest Neuschul, Aussig 1895–1968 London: Die Plätterin, vor 1930 | Öl auf Leinwand, 65 x 46
cm | © bpk / Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / Jörg P. Anders | © Khalil und Misha Norland (Söhne in England)

Werke der 1920er- und 1930er-Jahre aus der Sammlung der Nationalgalerie

Die Ausstellung „Surreale Sachlichkeit. Werke der 1920er- und 1930er-Jahre aus der Sammlung der Nationalgalerie“ in der Sammlung Scharf-Gerstenberg in Berlin Charlottenburg wirft einen neuen, durch den Surrealismus geschärften Blick auf das Phänomen der Neuen Sachlichkeit. Tatsächlich haben beide Anfang der 1920er-Jahre in Frankreich und Deutschland entstandenen Kunstrichtungen mehr gemeinsam, als man zunächst vermuten möchte.

Bislang fand die Frage nach dem Zusammenspiel zwischen der sogenannten „Neuen Sachlichkeit“ und dem Surrealismus nur wenig Beachtung. Einzig Wieland Schmied widmete ihr anlässlich der 15. Berliner Kunstausstellung 1977 eine größere Ausstellung in der Großen Orangerie im Schloss Charlottenburg, in der anhand verschiedener Themen und Motive Gemeinsamkeiten und Unterschiede herausgearbeitet wurden. Die Ausstellung in der Sammlung Scharf-Gerstenberg, direkt gegenüber dem Schloss, nimmt nun einen anderen Blickpunkt jenseits der kanonisierten Kunstbetrachtung ein. Mit ihrem erweiterten Surrealismusbegriff – Kern der Sammlung ist der Surrealismus, doch finden sich hier auch Werke seiner Vorläufer und Nachfolger – richtet die Ausstellung das Augenmerk weniger auf einzelne Motive, sondern möchte ausgehend vom Surrealismus, einen Blick auf die psychischen Zwischenräume werfen, die sich zwischen den Motiven der vermeintlich „sachlichen“ Darstellungen eröffnen.

Die Gegenüberstellung von ausgewählten Werken lenkt die Aufmerksamkeit auf diesen „psychischen Raum“, der überraschend oft in der Kunst der Neuen Sachlichkeit mitschwingt, ohne dabei explizit zu werden. Die Ausstellung beleuchtet den surrealen Anteil der Neuen Sachlichkeit, der den Bildern oftmals ihre eigentliche Tiefendimension verleiht. Präsentiert wird mit rund 80 Werken ein breites Spektrum der Bewegung aus der Sammlung der Nationalgalerie. Berühmte Gemälde von Künstlern wie Otto Dix, und Alexander Kanoldt, aber auch seltener gezeigte Gemälde von Paula Lauenstein oder Konrad Adolf Lattner treffen auf Werke von Surrealisten wie Max Ernst und René Magritte, die den Blick auf das Sonderbare, Geheimnisvolle, mitunter Absurde der Neuen Sachlichkeit lenken.

Der Ausstellungsrundgang folgt den drei Hauptthemen Räume, Dinge und Menschen. Das Motiv der Einsamkeit, der leeren Räume einer durch die Industrialisierung entfremdeten Welt, steht immer wieder im Mittelpunkt der ausgestellten Werke – etwa in Georg Schrimpfs „Bahnübergang“ von 1932. Der um 1925 entstandene „Männliche Kopf“ von Ewald Mataré mit den eingeebneten Konturen wiederum verweist auf den Kopf als Ding, auf die Tilgung aller persönlicher Charakteristiken. Die Darstellung von Menschen, dem dritten Hauptthema, kommt in der Malerei der Neuen Sachlichkeit häufig vor. So inszeniert Otto Dix in der „Familie des Malers Adalbert Trillhaase“ aus dem Jahr 1923 das neue Bild der spießbürgerlichen Kleinfamilie.

Die Ausstellung in der Sammlung Scharf-Gerstenberg macht dem Publikum Werke der Neuen Sachlichkeit aus der Sammlung der Nationalgalerie während der sanierungsbedingten Schließung des Mies van der Rohe-Baus zugänglich. Gleichzeitig betont sie die Bedeutung der Klassischen Moderne für die Charlottenburger Standorte der Nationalgalerie und ergänzt die Präsentation im wiedereröffneten Erweiterungsbau des Museum Berggruen.

Beitrag kommentrieren