Swiss Pop Art – Formen und Tendenzen der Pop Art in der Schweiz

Franz Gertsch, Mireille, Colette, Anne, 1967
Dispersion auf Papier auf Pavatex, 118 x 77 cm
Aargauer Kunsthaus, Aarau

(Presseinformation) Die Ausstellung Swiss Pop Art präsentiert erstmals einen umfassenden Überblick über die Pop Art in der Schweiz von 1962 bis 1972. Sie vereint rund 270 Gemälde, Skulpturen, Collagen, Fotografien und Objekte von 51 Kunstschaffenden aus allen Landesteilen.

Die Pop Art gilt als eine der wichtigsten internationalen Kunstströmungen der Nachkriegszeit. Ausgehend von Grossbritannien und den USA hat sie sich in den 1960er-Jahren rund um den Globus durchgesetzt. Auch für die Schweizer Kunstschaffenden war sie von Bedeutung. Beeindruckt von den provokativen Bildinhalten und den neuartigen Bildtechniken schufen sie Werke, die sich an die internationalen Vorbilder anlehnen, jedoch auch eine eigene künstlerische Sprache sprechen. Dabei kristallisierte sich eine spezifische Spielart der Pop Art heraus, die als typisch schweizerisch gelten darf.

Das Aargauer Kunsthaus widmet den spezifisch schweizerischen Formen und Tendenzen der Pop Art in der Deutschschweiz, im Tessin und in der Romandie eine gross angelegte Schau, welche über die bildende Kunst hinaus auch die Schnittstellen zur Kunst im öffentlichen Raum, zur Fotografie, zum Design und zur Musik beleuchtet. Swiss Pop Art vereint rund 270 Gemälde, Papierarbeiten, Skulpturen, Filme und Objekte von Kunstschaffenden wie Fernando Bordoni, Samuel Buri, Niki de Saint Phalle, Emilienne Farny, Franz Gertsch, Rosina Kuhn, Urs Lüthi, Markus Raetz oder Peter Stämpfli. Die Werke stammen aus dem Besitz der Kunstschaffenden, aus diversen Museums- und Privatsammlungen und aus der Sammlung des Aargauer Kunsthauses. Viele der Arbeiten wurden kaum je in Ausstellungen gezeigt und erlauben es dem Publikum, zahlreiche Neuentdeckungen zu machen. Daneben werden ausgewählte installative Arbeiten, wie beispielsweise Peter Stämpflis M301 (1970), eigens für die Schau rekonstruiert.

Pop Art – Swiss Made

Max Matter, Hungerberg, 1968
Spray auf Kellco, 100 x 120 cm
Aargauer Kunsthaus, Aarau

Mit dem Aufflammen der Pop Art in der helvetischen Kunstlandschaft öffneten sich anfangs der 1960er-Jahre schlagartig neue Themen- und Bezugsfelder. Gänzlich neuartige Formen von Figuration machten sich breit, die sich mit ihren trivialen Motiven, ihrem plakativ vereinfachenden Stil und den bunt-leuchtenden Farben dezidiert von der damals vorherrschenden abstrakten Kunst absetzten. Pop Art war Ausdruck einer unverbrauchten Lebenshaltung einer durchgängig jungen Künstlerschaft. Die wichtigsten Werke der Schweizer Pop Art datieren auf die Jahre 1962 bis 1972. 1962 entstand mit Marc Eggers Carscape eine der ersten Arbeiten mit klarem Bezug zur Pop Art. Ein Jahrzehnt lang hielt sich in einer bewegten Zeit des gesellschaftlichen und politischen Wandels das relativ unbeschwerte Lebensgefühl, das mit der künstlerischen Etablierung der Pop Art einherging. Spätestens mit der Ölkrise 1973 fand die Hochkonjunktur ein jähes Ende, was den Humus für einen „Pop Art Way of Life“ auch in der Schweiz rasch austrocknen liess.

Nicht nur in der Schweizer Kunstgeschichte nimmt die Pop Art eine vergleichsweise kurze Zeitspanne in Anspruch. Auch im Schaffen vieler Künstlerinnen und Künstler stellt sie eine Art Übergangsphänomen dar, das häufig mit dem jeweiligen Frühwerk zusammenfällt. Gewisse Kunstschaffende gerieten nach ihrer Pop-Phase in Vergessenheit, andere erlangten grosse Bekanntheit, meist aber mit Arbeiten, in denen sie die eindeutige Pop-Sprache bereits hinter sich gelassen hatten. Ungeachtet ihres Episodencharakters im Schweizer Kunstgeschehen war die Pop Art wegweisend für viele Kunstschaffende: So fand Peter Stämpfli in den 1960er-Jahren über das Auto als Inbegriff der amerikanisch geprägten Konsumkultur, zu seinem Hauptmotiv, dem Pneuabdruck, das er über Jahrzehnte bis in die totale Abstraktion verfolgte. Urs Lüthi schuf, selbst noch fast ein Jugendlicher, eine Reihe von Arbeiten, in denen er sich beispielsweise, wie im Acrylgemälde Supercortemaggiore (1967) auf die Produktpalette und das eingängige Logo des Ölkonzerns AGIP bezieht. Der Umgang mit Banalitäten und nicht den hehren Themen der Kunst war – so resümiert Lüthi heute rückblickend – der für ihn prägendste Aspekt der Pop Art. So bilden seine frühen, von der Pop Art beeinflussten Arbeiten den Grundstein für sein späteres OEuvre mit seiner charakteristischen Vermischung von Kunst und Leben. Für Markus Raetz war die radikale Vereinfachung der Inhalte, wie in Goppenstein (1968), ein entscheidender Impuls der Pop Art, der sein Werk bis heute prägt. Die neuartigen Materialien, wie auch die kräftig-bunte Farbpalette waren durchwegs „pop“ und setzten einen gewollten Kontrapunkt zu dem damals von den Zürcher Konkreten geprägten Kunstverständnis. Somit ist es kein Zufall, dass das Erbe der Konkreten Kunst in der Schweizer Pop Art mannigfaltigen Widerhall findet: Farbige geometrische Formen werden mit figurativen Motiven kombiniert, so bei Alfred Auer, Fernando Bordoni oder Ueli Berger. Letzterer entwickelt zusammen mit seiner Frau Susi Berger-Wyss auch Möbel, wie den Soft-Chair (1967) oder die Wolkenlampe (1970), die zu den repräsentativsten Beispielen Schweizer Pop-Designs zählen.

Die Bildwelten der Pop Art

Die Pop Art brachte die Bildwelten des Alltags in die Kunst, auch in der Schweiz. Massenkultur – Werbung, Mode, Popmusik – aber auch das aktuelle Zeitgeschehen sind in der Ausstellung wiederkehrende Themen. Während Bendicht Fivian der Lady Jane des Rolling Stones Hit von 1966 ein Gesicht verleiht (Lady Jane, 1968), reduziert Franz Gertsch die legendäre Band in seiner frühen grossformatigen Serie Rolling Stones (1968) auf ihre Umrisse. Künstlerinnen wie Emilienne Farny, Rosina Kuhn oder Margrit Jäggli beschäftigen sich demgegenüber u.a. mit dem neuen Bild der Frau, das zwischen Werbung, Minirock und Bikini sowie Frauenbewegung und sexueller Befreiung neu erfunden werden musste. Die Raumfahrt unter dem Einfluss des „Megaevents“ der ersten Mondlandung findet Niederschlag in diversen Darstellungen von Astronauten oder wie bei Carl Bucher in seinen Landings genannten Ufo-artigen Flugkörpern. Dass das Pop-Jahrzehnt starke Gegensätze – wie etwa Vietnam-Krieg und Hippie-Bewegung – vereint, zeigt Urs Dickershofs Frühlingsbombe.

Eine besondere Spielart der Schweizer Pop Art ist das Einbinden folkloristischer Bildtraditionen, sei es durch den Rückgriff auf typisch schweizerische Motive oder Anleihen an lokalen Formen der Volkskunst. Samuel Buri greift das urchige Motiv des Schweizer Chalets auf, das er gerastert und in rauschhaften Farbkombinationen, wie in Chalet psychédélique (1967), wiedergibt. Barbara Davatz wiederum präsentiert in ihrer handkolorierten Fotoserie Souvenirs aus Appenzell (1968) ländliche Postkartenmotive in farbiger Übersteigerung à la Warhol. Neben typisch schweizerischen Landschaftsmotiven interessieren auch die fortschreitende Urbanisierung, die Zersiedlung und die Erschliessung der überbauten Natur, beispielsweise in den Arbeiten von Max Matter und Jean-Claude Schauenberg.

Pop-Art-Forschung aus Schweizer Perspektive

Mit der Ausstellung Swiss Pop Art positioniert sich das Aargauer Kunsthaus in einem international geführten Diskurs: Der Blick auf das internationale Kunstgeschehen macht deutlich, welche Aktualität die Pop Art heute wieder besitzt. Dies belegen die internationalen Ausstellungsprojekte zum Thema, u.a. The World Goes Pop, Tate Modern, 2015-2016; International Pop, Walker Art Center, 2015 oder German Pop, Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2014-2015. Einher geht damit eine Neubewertung der Pop Art, welche die Strömung nicht ausschliesslich als klar umrissenes, von England und den USA diktiertes Phänomen deutet, sondern als ausgesprochen internationale Bewegung mit ausgeprägten regionalen Erscheinungsweisen, welche auf bestehende Traditionen, die regionale Kunst aber auch den kulturellen und politischen Kontext reagieren. Der Zeitpunkt für die Ausstellung ist auch aus der Perspektive der kunsthistorischen Forschung ideal, da sich die Gelegenheit bot, im Zuge der Ausstellungsvorbereitungen Oral History Interviews mit den Protagonisten von damals zu führen und so wertvolle Informationen zu gewinnen.

Swiss Pop Art vom 7. Mai bis 1. Oktober 2017 im *Aargauer Kunsthaus

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