700.000 Euro für sieben Forschungsprojekte im Bereich koloniale Kontexte


Deutsches Zentrum Kulturgutverluste bewilligt erstmals rund 700.000 Euro für sieben Forschungsprojekte im Bereich koloniale Kontexte. Foto: Deutsche Zentrum Kulturgutverluste / Viktoria Kühne

(Presseinformnation) Woher stammen die 30 menschlichen Schädel und Knochen der anthropologischen Sammlung des Museums Natur und Mensch in Oldenburg? Was soll aus ihnen werden? Was aus den Masken, Ahnenfiguren, Waffen, Musikinstrumenten und dem Schmuck im Völkerkundemuseum Lübeck, die von deutschen Offizieren und medizinischem Personal der kaiserlichen „Schutztruppe“ im Umfeld der an den Herero und Nama verübten Verbrechen vor mehr als 100 Jahren in Afrika gesammelt wurden?

Um die Provenienz und damit indirekt auch den Verbleib von Gegenständen aus kolonialen Kontexten in deutschen Museen zu klären, hat nun der Vorstand des Deutschen Zentrum Kulturgutverluste in Magdeburg auf Empfehlung seines neunköpfigen Förderbeirats erstmals sieben Forschungsanträgen zugestimmt und dafür insgesamt zunächst 703589 Euro Fördergeld bewilligt.

Staatsministerin Monika Grütters erklärte: „Das vom Bund finanzierte Deutsche Zentrum Kulturgutverluste bringt die Provenienzforschung von Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten entscheidend voran. Die Projekte der ersten Förderrunde zeigen, wie anspruchsvoll, komplex, aber lohnend diese Aufgabe ist. Das Zentrum wird Museen und Universitäten auch in Zukunft darin unterstützen, ihre Bestände mit genauer Recherche und Sensibilität zu analysieren. Denn Transparenz herzustellen, ist die wichtigste Voraussetzung für Verständigung und Versöhnung.“

Seit vor rund drei Jahren auch in Deutschland die Debatte über den Umgang mit Objekten aus kolonialen Kontexten Fahrt aufnahm, stellen sich Museen mit afrikanischen und anderen außereuropäischen Sammlungen verstärkt den Fragen nach Herkunft und möglicher Rückgabe. Der kürzlich veröffentlichte Aufruf „Öffnet die Inventare“ von mehr als 100 namhaften Wissenschaftlern, Kulturschaffenden und Künstlern unterstreicht Aktualität und Dringlichkeit des Themas. „Dieser Aufruf hat wieder einmal vehement die vielfach zu hörende Forderung nach besserer Kenntnis über die Bestände der Museen vorgebracht“, bewertet Gilbert Lupfer, wissenschaftlicher Vorstand des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste, die Diskussion.

Seit Januar 2019, als das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste aufgrund eines Fördermandats des Stiftungsrats um einen Fachbereich für koloniale Kontexte erweitert wurde, ist es möglich, die Förderung von Projekten zu beantragen, die sich mit derartigem Kultur- und Sammlungsgut befassen. „Durch unsere Projektförderung, an die eine umfassende Publikation der Ergebnisse gebunden ist, leisten wir einen wichtigen Beitrag zu größerer Transparenz über Sammlungsbestände aus kolonialen Kontexten“, beschreibt Vorstand Lupfer die Aufgabe.

Die zum Stichtag 1. Juni 2019 eingereichten Anträge wurden gestellt von Museen, universitären Sammlungen und Universitäten, teils mit Kooperationspartnern im In- und Ausland. Dabei waren nicht nur ethnografische und anthropologische Sammlungen Gegenstand der geplanten Projekte, sondern auch archäologische und naturkundliche Sammlungen.

Bewilligt werden konnte eine große Bandbreite von Projekten, wobei Forschungsvorhaben zu menschlichen Überresten, sowie zu Sammlungen und Konvoluten, die aus vom Deutschen Reich kolonisierten Gebieten stammen, stark vertreten sind.  Unter den Geförderten finden sich neben großen ethnografischen Museen auch kleine Stadt- und Regionalmuseen sowie Mehrspartenhäuser.

Anträge für längerfristige Projekte können jeweils zum 1. Januar und 1. Juni eines Jahres eingereicht werden. Antragsberechtigt sind alle Einrichtungen in Deutschland in öffentlich-rechtlicher Trägerschaft, die Kulturgut aus kolonialen Kontexten sammeln, bewahren oder erforschen. Dazu zählen Museen, Universitäten und andere Forschungseinrichtungen. „Ausdrücklich erwünscht ist es“, so Wissenschafts-Vorstand Lupfer, „dass die geförderten Institutionen, wo immer es möglich ist, mit den Herkunftsgesellschaften eng zusammenarbeiten, denn deren Erfahrungen und Kompetenzen sind unverzichtbar.“

Mehr unter www.kulturgutverluste.de