Amateurfotografie. Vom Bauhaus zu Instagram im MKG Hamburg

Axel Herrmann (1946‒2010), Continental Breakfast, 1970er-Jahre, Kleinbilddias, Daniel Herrmann, © Daniel Herrmann

(Presseinformation) In der Ausstellung Amateurfotografie. Vom Bauhaus zu Instagram widmet sich das Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg (MKG) der Amateurfotografie und ihrer Innovationskraft. Das kreative Potential von Amateur*innen spielt seit der Erfindung der Fotografie eine wichtige Rolle und interessierte vor allem die Künstler*innen des Bauhaus, die im unbekümmerten Umgang mit der Fotokamera eine große schöpferische Kraft sahen. Auch das demokratische und politische Potential der Amateurfotografie wurde in den 1920er Jahren entdeckt. Beides ist auch heute noch von großer Bedeutung für unseren Umgang mit Bildern. Die Amateurfotografie Anfang des 20. Jahrhunderts war der Beginn eines Massenphänomens, das heute mit der digitalen Bilderflut immer wieder beschworen wird.

Täglich halten Milliarden Smartphone-Besitzende weltweit ihr Leben in Schnappschüssen fest. Sie teilen ihre Bilder in unzähligen Social Media-Kanälen, allen voran Instagram, mit ihren Freund*innen und mit Menschen, die sie nie persönlich getroffen haben. Fotografien sind zu einem zentralen Kommunikationsmedium geworden. Die Amateurfotografie scheint damit heute aktueller denn je. Die Ausstellung vergleicht die Bildwelten der historischen und zeitgenössischen Amateurfotograf*innen, beleuchtet ihre Motivation und Ziele und fragt, ob und wie sich die digitale, massenhaft praktizierte Amateurfotografie von der historischen unterscheidet. Zu sehen sind über 200 Exponate von zahlreichen Amateurfotograf*innen, von Künstler*innen der klassischen Avantgarde und von zeitgenössischen Künstler*innen sowie Zeitschriften, Bücher und digitale Dokumente.

Die Ausstellung gliedert sich in drei Kapitel: Schwerpunkte des ersten Teils Wider alle Regeln sind Amateur*innen und das Bauhaus, die eng miteinander verknüpft sind. Amateur*innen inspirierten die Formensprache, die bis heute unter dem Label „Bauhaus-Fotografie“ kanonisiert wird, mit ihren ästhetischen Regelbrüchen, ihrer spezifischen Art, die Lebenswirklichkeit abzubilden und mit ihrer Idee, die Gesellschaft zu verändern. Das zweite Kapitel Die eigene Lebenswirklichkeit verfolgt die Kontinuitäten der Bildwelten in der analogen und digitalen Amateurfotografie und zeigt, dass der unmittelbare Alltag und das private Umfeld zentrale Themen sind. Dazu zählen Freizeitaktivitäten, Reisen, das soziale Miteinander, das Selfie und die eigene Identität, Foodies oder etwa das geliebte Haustier. Der dritte Teil Gesellschaft verändern! beleuchtet die Amateurfotografie als demokratisches Instrument der Gesellschaftskritik in der Bewegung der Arbeiterfotografie der 1920er und 1930er Jahre und ihrer Verbindung zum Bauhaus, in der Protestkultur der 1970er Jahre und in den sozialen Netzwerke heute. Die Ausstellung stellt Instrumente wie „Protestselfies“, partizipative Projekte oder Bildersammlungen von Bürgerjournalist*innen vor, die zu aktuellen politischen Ereignissen Stellung nehmen und eine internationale Öffentlichkeit erreichen, und fragt nach ihrer gesellschaftlichen und politischen Relevanz.

I. Amateur*innen am Bauhaus – wider alle Regeln

In den Augen der Bauhäusler*innen waren Amateur*innen die ideale Verkörperung des Unverbildeten und damit Bezugspunkt in zentralen Texten des Bauhauses zur Fotografie. Werner Graeff (1901–1978), Lucia Moholy (1894–1989) und László Moholy-Nagy (1895–1946) und andere stellten Ende der 1920er Jahre in ihren Publikationen die Amateur*innen in den Mittelpunkt, forderten fotografische Grenzüberschreitungen sowie die Erkundung der Welt mit der Kamera. Sie propagierten eine Neuauslotung der fotografischen Möglichkeiten und wollten zum eigenen kreativen Schaffen ermutigen. 1929 erschien das wegweisende Buch Es kommt der neue Fotograf!.In seiner Anleitung mit Fotobeispielen forderte der Bauhausschüler Werner Graeff Fotograf*innen dazu auf, die Welt frei von allen Regeln zu entdecken und ungewöhnliche Motive mit starker Ausdruckskraft zu erzielen.

Was heute als typische „Bauhaus-Fotografie“ gilt – etwa die Kamera nach oben oder unten zu neigen – orientierte sich ursprünglich an den Bildern des privaten Knipsers. Die Bauhäusler*innen durchbrachen die Konventionen der Bildproduktion, indem sie sich von der damals üblichen Zentralperspektive abwandten. Sie experimentierten mit „gekippten“ Ansichten, mit Spiegelungen und Tonwertverfälschungen, mit dem Porträt in Nahaufnahme, mit Doppelbelichtung und Fotomontagen. Diese Stilmittel, die sich in den 1920er Jahren am Bauhaus und an anderen Fotoschulen entwickelten und 1929 in der epochemachenden Ausstellung Film und Foto präsentiert wurden, zeigt das einführende Kapitel der Ausstellung anhand zahlreicher Aufnahmen der Avantgarde wie T. Lux Feininger (1910–2011), Werner David Feist (1909–1998), Lucia Moholy, László Moholy-Nagy, Robert Petschow (1888–1945), Franz Roh (1890–1965), Sasha Stone (1985–1940), oder Otto Umbehr alias Umbo (1902–1980). In der Gegenüberstellung mit faksimilierten Seiten aus Fehler- und Regelbüchern für die Amateurfotografie von 1905 bis 1943 wird ersichtlich, dass Amateur*innen die Stilmittel der Bauhausfotografie deutlich geprägt haben.

II. Die eigene Lebenswirklichkeit

Etwa zur gleichen Zeit wie Werner Graeff beschäftigte sich auch Lucia Moholy mit der Amateurfotografie und rühmte die Entdeckung der Amateur*innen durch das Bauhaus. Sie plädierte dafür, das alltägliche Umfeld zum Gegenstand zu machen und es „jenseits der Nützlichkeit“ zu erfassen. Im Gegensatz zur „stagnierenden Berufsfotografie“ werde ein hohes ästhetisches und kreatives Potential der Fotografie freigesetzt, wenn Amateur*innen ohne Ausbildung und frei von Vorgaben gestalterisch tätig werden und die Dokumentation des eigenen Lebens mit der Lust am künstlerischen Experiment verbinden. In einem Vorspann zeigt das Kapitel mit Fotografien aus dem Bauhausalltag u.a. von Marianne Brandt (1893-1983), T. Lux Feininger oder Lotte Beese (1903–1988), dass schon lange vor Instagram Selfies und Foodies aufgenommen wurden, das soziale Miteinander in Fotografien geteilt und die eigene Identität in Bildern befragt wurden: Bauhäusler*innen hielten ihre Lebenswirklichkeit und Gruppenzugehörigkeit in Partyfotos, Porträts und Gruppenbildern auf dem Schulgelände, in den Klassen und Werkstätten fest. Dieser Teil der Ausstellung stellt in loser Chronologie die wichtigsten Themen der Amateurfotografie von der Jahrhundertwende bis zu den „neuen“ digitalen Amateur*innen anhand einzelner Beispiele vor.

III. Gesellschaft verändern!

Die Welt eines jeden Menschen zu zeigen, „ob er in einem vornehmen herrenhause wohnt, oder in einer bescheidenen proletarierhütte“, habe die Amateurfotografie, so Lucia Moholy, großes „Potential“. Das Kapitel Gesellschaft verändern! widmet sich den gesellschaftsverändernden Ideen und den Verbindungen des Bauhaus zur Arbeiterfotografie. 1932 bewarb sich der sozialdemokratische Betonbauer Albert Hennig (1907–1998) mit seiner Serie Kinder der Straße am Bauhaus Dessau. Die Serie war Ausgangspunkt einer Reihe sozialkritischer Aufnahmen des Fotografen, die in den 1920er und 1930er Jahren entstanden. Das Bauhaus und die Bewegung der Arbeiterfotografie standen im engen Verhältnis zueinander, wie Veröffentlichungen aus den Arbeiterfotografie-Zeitschriften AIZ, Der Arbeiterfotograf, Der Kuckuck oder das Neue Bild sowie die von ihnen initiierten Amateurfoto-Wettbewerbe deutlich machen. So haben sich nicht nur die Bauhaus-Studierenden für die Arbeiter*innen und ihre soziale Lage interessiert, sondern auch die Redaktionen der Arbeiterzeitungen für die Fotografien der Bauhausstudierenden, deren Fotos sie druckten.

Die Bewegung der Arbeiterfotografie der 1930er Jahre und deren Idee, Fotografie als politische Waffe einzusetzen, griff man in der westdeutschen Protestkultur der 1970er Jahre wieder auf. Um 1973 gründeten etwa Hamburger Studierende die Zeitschrift Arbeiterfotografie. Im Rahmen von Workshops gingen sie auf Arbeiter*innen zu, um ihnen das Fotografieren beizubringen und damit mehr (Selbst)Bewusstsein zu vermitteln. Die Ausstellung stellt den in einem Arbeiterfotografie-Verein aktiven Nuri Musluoglu (*1951) und den gewerkschaftsnahen Hamburger Karl Sauer (1931–1986) vor und zeigt deren politisch motivierte Fotografie von Demonstrationen. Aus einem ähnlichen Grund entstand das private Fotoarchiv über die Proteste gegen die Atommüll-Transporte im Wendland von Ingrid (*1940) und Werner Lowin (*1945), die ihre Tätigkeiten als private, aber durchweg widerständige politische Arbeit verstehen. Heute befindet sich ein Teil im Gorleben Archiv in Lüchow.

Partizipative Projekte haben in den letzten Jahren Archive mit Amateurfotografien geschaffen und Bilder von gesellschaftlichen Umbrüchen zusammengeführt. Ihr Ansatz erinnert an die Arbeiterfotografie der 1920er und 1930er Jahre, die das „Foto als Kampfmittel“ verstand. Die Ausstellung stellt Initiativen vor, die das gesellschaftskritische Potential der Amateurfotografie unter gegenwärtigen Gesichtspunkten fortführen: Das in 2009 gegründete Künstlerduo Werker Collective arbeitet in 365 Days of Invisible Work seit 2012 fortlaufend mit gesammelten Bildeinsendungen von unsichtbarer oder unbezahlter Hausarbeit von Haushälter*innen. Wie Formen von Protest auf Internetplattformen wie Facebook und Instagram aussehen können, zeigt die Künstlerin Irene Chabr (*1983), die mit sogenannten „Protestselfies“ zu #tagaktivismus arbeitet. Sie sammelt, ordnet und installiert sie im Raum. Ein berühmtes Beispiel für ein Protestselfie ist jenes der ehemaligen First Lady der USA Michelle Obama, die aufgrund der Massenentführung nigerianischer Schülerinnen 2014 mit einem Schild, auf dem #bringbackourgirls stand, für ein Foto posierte.

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