Basim Magdy: Die Sterne standen gut für ein Jahrhundert des Neubeginns

Wir leben, wie es der Science-Fiction Autor William Gibson formuliert, in einer zukunftssüchtigen Kultur. Ganz egal, ob sie wie ein High-Tech-Paradies oder eine post-apokalyptische Einöde aussieht, immer ist die Zukunft der Schauplatz eines Neubeginns. Auf den ersten Blick scheint der Titel von Magdys Ausstellung als »Künstler des Jahres« 2016 in der Deutsche Bank KunstHalle in dieses Schema zu passen: »Die Sterne standen gut für ein Jahrhundert des Neubeginns«. Doch genau das Gegenteil ist der Fall. Er ist eine ironische Anspielung auf eine Menschheit, die unverdrossen ihre Fehler wiederholt. Die namen- und körperlosen Protagonisten in Magdys Filmen, die überlebenden, die auf seinen Papierarbeiten futuristische Bauten erkunden – sie alle sind gezwungen, Geschichte immer wieder nachzuspielen. Die Gesellschaften, die er in seiner 2014 entstandenen Filmtriologie »The Many Colors of the Sky Radiate Forgetfulness«, »The Everyday Ritual of Solitude Hatching Monkeys« und »The Dent« schildert, sind bankrott, verwickelt in absurde Rituale der Vergangenheitsbewahrung oder größenwahnsinnige Projekte. Seine Installation »In The Grave of Intergalactic Utopia« (2006) im Studio der KunstHalle ist ein Abgesang auf die Sternenträume und den Wettlauf ins All der Nachkriegszeit. Die Reise endet mit einer slapstickartigen Bruchlandung.

Der 1977 in Ägypten geborene und in Basel und Kairo lebende Künstler nimmt die Zukunft zum Anlass, um kritisch auf unsere Gegenwart zu schauen. Immer wieder hat er betont, dass Utopien versagen, weil sie nichts mit der Realität der Gegenwart zu tun haben, in der sie entwickelt werden. Magdys Kunst voller absurdem Humor konfrontiert uns genau mit dem, was wir so gerne verdrängen: dem Ungewissen, Nichtkontrollierbaren. Gleich zu Beginn der Ausstellung deutet »The Future of Your Head« (2008), eine Skulptur mit einem Einwegspiegel und einer aus Lichterketten geformten Botschaft, an, dass wir unser selbstreflektierendes, kausales Denken, unsere anthropozentrische Weltsicht zurücklassen können. Magdys 2012 entstandene, sich überlagernde Doppeldiaprojektion »A 240 Second Analysis of Failure and Hopefullness (With Coke, Vinegar and Other Tear Gas Remedies)« wirkt wie eine Versuchsanordnung für ein offeneres Denken. Die 160 Dias, die den Abriss und Neubau eines Gebäudekomplexes dokumentieren, wurden aus verschiedenen Filmrollen ausgewählt und in unterschiedliche Haushaltschemikalien eingelegt. Diese chemische Reaktion, die Magdy mit dem Prozess des »Picklings« vergleicht, färbt das Material in verwaschene Farben wie Cyan, Pink oder Grün. Die Substanzen wirken auch lindernd bei Tränengas. Das könnte eine Anspielung auf den sich ständig wiederholenden Kreislauf aus kollektiven Hoffnungen, Aktionen und Niederlagen sein, der symptomatisch für die modernen Gesellschaften ist. Dem Streben nach einer verbindlichen Wahrheit und einem dauerhaften Zustand, setzt Magdy das kaum berechenbare Experiment einer chemischen Reaktion, die Balance zwischen Zufall und Kontrolle entgegen. Das Einlegen – das »Pickling« – betont den prozessorientierten Ansatz in seinem Werk. Das gilt auch für sein Auftragswerk zur Ausstellung, eine neue 64-teilige, in Rastern angelegte Text- und Fotoarbeit, bei der er dieses Verfahren einsetzt. Es verdeutlicht die alchemistische »Entwicklung« von Narration und Themen, von Reaktion und Gegenreaktion. Zugleich reflektiert Magdy immer auch die Zirkulation von Bildern und Informationen und die fließenden Grenzen zwischen Realität und Virtualität im digitalen Zeitalter. In seiner Arbeit hinterfragt er radikal die Art und Weise, wie wir kollektive Erinnerungen archivieren und weitervermitteln, um damit unsere Zukunft zu gestalten. Magdy sucht in seiner Kunst nach neuen, offeneren Strukturen, die sich von alten Hierarchien und Ideologien freimachen. Die Art wie er Text und Bilder kombiniert, seine poetische Weise zu schreiben und die Absurdität, die fast all seinen Werken zu eigen ist, eröffnen einen unvoreingenommen und individuellen Blick auf die Realität. Dieses Denken manifestiert sich auch im Aufbau der Ausstellung, die auf eine chronologische Abfolge oder die Hierarchisierung bestimmter Medien verzichtet. Basim Magdys flüchtige Erzählungen fordern uns auf, querzudenken, Widersprüche zu akzeptieren und uns ohne Dogmen der Wirklichkeit zu öffnen.

Künstler des Jahres

Nach Wangechi Mutu (2010), Yto Barrada (2011), Roman Ondák (2012), Imran Qureshi (2013), Victor Man (2014) und Koki Tanaka (2015) ist Basim Magdy der siebte »Künstler des Jahres« der Deutschen Bank. Diese Auszeichnung richtet sich an aktuelle KünstlerInnen, die bereits ein substanzielles Werk geschaffen haben, in dem auch Papier und Fotografie eine Rolle spielen. Im Fokus stehen Positionen, die gesellschaftliche Themen auf individuelle Weise ansprechen und formal neue Wege beschreiten. Zugleich würdigt die Auszeichnung Impulse, die aus den neuen Kunstzentren in Afrika, Asien, Südamerika oder Osteuropa kommen. Fest im Kunstprogramm der Deutschen Bank verankert, ist sie nicht mit einem Geldpreis dotiert. Stattdessen setzt sie auf Vermittlung von Gegenwartskunst und Ankäufe von Arbeiten für die Unternehmenssammlung. Höhepunkt ist die Einzelausstellung des »Künstler des Jahres« in der Deutsche Bank KunstHalle, die von einem Katalog begleitet und anschließend in weiteren internationalen Museen präsentiert wird. Zusätzlich realisiert der Künstler eigens für diesen Anlass eine Edition. Ausgewählt werden die Künstler im Rahmen des Global Art Advisory Councils der Deutschen Bank, dem die renommierten Kuratoren Okwui Enwezor, Hou Hanru, Udo Kittelmann und Victoria Noorthoorn angehören.

Beitrag kommentrieren