Farbe und Licht. Der Neoimpressionist Henri-Edmond Cross im Museum Barberini

Oben: Daniel Zamani: Cross’ Werk in Deutschland zu Beginn des 20. Jahrhundert
Ein ganz großes Paradox im Deutschen Kaiserreich ist, dass der Staat an sich noch immer extrem Frankreichfeindlich war. Es blieb der Erbfeind nach dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71. Aber umgekehrt gibt’s eine ganz große Avantgarde in Deutschland, die den Blick nach Frankreich gewandt hat, und es gibt auch sehr progressive Museumsdirektoren, Kunsthistoriker, die sehr genau den Entwicklungen der französischen Avantgarde folgen. Und ganz viele von diesen frühen Kunstsammlern, Kunstkritikern, Museumsdirektoren lernen Cross schon in den späten 1890er Jahren kennen und werden zu Mäzenen, auch zu Wortführern für den Neoimpressionismus in Deutschland. Der bekannteste ist bestimmt Harry Graf Kessler, der Cross 1898 in Paris kennenlernt und dann zahlreiche Gemälde von ihm erwirbt, auch mehrere Bilder bei ihm direkt in Auftrag gibt und der sich auch massiv für Cross und seinen neoimpressionistischen Kollegen einsetzt, als es in Deutschland zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu den ersten Debatten kommt. Was wir unheimlich spannend fanden in der Vorbereitung von der Ausstellung ist, dass eine ganz große Konzentration an Hauptwerken von Henri-Edmond Cross zu Beginn des 20. Jahrhunderts im deutschen Besitz waren, viele davon in Privatbesitz, aber auch einige Werke in der Sammlung von bedeutenden Museen, zum Beispiel im Städel Museum in Frankfurt am Main oder der Pinakothek in München. Viele von diesen Gemälden haben dann Deutschland verlassen während des Aderlasses zur Zeit des Nationalsozialismus, als Cross genau wie Signac und Seurat als „entartet“ galt und aus vielen Sammlungen beschlagnahmt worden ist. Und es ist gerade während der Zeit des Nationalsozialismus, wo ganz viele Gemälde von Cross Deutschland verlassen haben, die jetzt hier im Rahmen der Ausstellung teilweise erstmals zurückkehren.

Eine große Schwierigkeit bei Henri-Edmond Cross ist, dass das Werk sehr übersichtlich ist. Im Werkverzeichnis von 1964 sind nur 227 Gemälde dokumentiert, viele davon galten damals schon als verschollen und ganz viele Hauptwerke von Cross sind heute in aller Welt verstreut, sodass man sehr lange suchen muss, bis man die einzelnen Gemälde identifiziert, sodass es auch sehr schwierig ist, überhaupt einen repräsentativen Querschnitt über seine gesamte Werkentwicklung zu zeigen. Das ist das Großartige an der Ausstellung im Museum Barberini, dass man wirklich vom ersten bis zum letzten Raum einen Überblick über jede einzelne, wichtige Schaffensphase von Cross bekommt und darunter ganz viele von seinen neoimpressionistischen Hauptwerken.

Unten: Marina Ferretti Bocquillon: Cross’ Einfluss auf die Avantgarde

Die Deutschen entdecken Henri-Edmond Cross um 1897/98, also um die Jahrhundertwende. Dies ist die Zeit, in der Cross und Signac beginnen, einen „zweiten“ Neoimpressionismus zu praktizieren, indem sie die Theorien Seurats freier umsetzen, indem die Pinselführung viel dynamischer, die Farben viel stärker und weitaus lebendiger sind. Und was sie den jungen Malern um die Jahrhundertwende in Deutschland, aber auch in Frankreich an Neuem bieten können, ist eine viel intensivere Ästhetik der Farben, bei der die Kontraste eine große Rolle spielen und wo die Grundidee kleiner Farbpunkte nicht mehr ganz so stark zum Tragen kommt. Wichtig ist, dass die Farben so rein wie möglich sein sollen. Es ist auch eine Zeit, in der sich die Maler auf eine bestimmte Weise von der Realität lösen und sie viel freier umsetzen. Die Farben erhalten eine Autonomie in Bezug auf das Schauspiel der Natur, was völlig neu ist und was alle jungen Maler, die dieser Entwicklung folgen, für sich mitnehmen. Einige von ihnen versuchen sich sogar kurz an der Technik der Farbzerlegung, Maler in Frankreich wie zum Beispiel Matisse, der zwar nur für kurze Zeit mit dieser Methodik experimentiert, aber durch diese Technik und diese Erfahrung den Fauvismus entdeckt – genauso wie Derain.

Unten: Annette Haudiquet: Cross’ Zeichnungen und Aquarelle


Henri-Edmond Cross praktiziert eine akribische Malweise, der eine sorgfältige, detaillierte und außerordentlich feine Ausarbeitung zugrunde liegt. Man kann sagen, dass die Vorbereitung all seiner Gemälde von Zeichnungen oder Aquarellen begleitet wird: Diese entstehen teilweise direkt vor dem Motiv und fangen Augenblicke konkret in der freien Natur ein. Sie zeugen aber auch von einem Schaffensprozess, der auf der Ausführung von Details und der Ausarbeitung der Komposition mithilfe einer Rasterstruktur basiert. Die derzeitige Ausstellung macht eben diese Arbeitsweise von Henri-Edmond Cross sichtbar. Man kann sie bei seinen Gemälden und auch bei den dazugehörigen Vorstudien nachvollziehen. Gleichzeitig haben wir es hier aber auch mit Zeichnungen zu tun, die für sich stehen, bei denen es sich nicht um eine Studie für ein Gemälde handelt, sondern die einen Wert an und für sich haben – experimentellere Arbeiten, die vollkommen vollendet sind und großes Können offenbaren. Bei diesen Zeichnungen fällt die große Bedeutung auf, die dem Papier beigemessen wird, der Wahl des Papiers, insbesondere eines stärkeren Büttenpapiers, an dem die Farbe des Zeichenstifts haften bleibt. Was wir hier sehen, ist eine Technik, die von Seurat entwickelt wurde: die Komposition einer Zeichnung ohne Linien, einer Zeichnung, die einer Modulation des Lichts durch eine Art Kontinuum von Schatten und Licht gleichkommt. Das ist vielleicht auch die wirklich große Entdeckung dieser Ausstellung: aufzuzeigen, dass Cross ein außerordentlich begabter neoimpressionistischer Zeichner war.

Unten: Richard Thomson: Cross’ Verhältnis zum Anarchismus


Der Anarchismus wurde Ende des 19. Jahrhunderts zu einer wichtigen politischen Bewegung, als sich die Industrialisierung in Europa und Amerika ausbreitete. Besonders in den Arbeiterklassen kam das Gefühl auf, dass die Bevölkerung nicht richtig durch das System geschützt wurde und dass die Regierungen und der Kapitalismus repressiv waren. Der Anarchismus versuchte, alle Institutionen und Strukturen abzuschaffen und sich auf die angeborene Güte der Menschheit zu besinnen, damit die Menschen ohne Führung zusammenarbeiten und eine harmonische Gesellschaft aufbauen konnten. Im Großen und Ganzen gab es zwei Wege, die die Anarchisten im Auge hatten: Einige glaubten an eine „Propaganda der Tat“, an Mord und Terrorismus, um den bürgerlichen Staat zu stürzen. Andere hielten es für angebrachter, sich für eine bessere Gesellschaft einzusetzen, die Menschen zu erziehen und sie zu einer harmonischeren Denkweise zu bringen. Dies sollte zu einem System werden, in dem es keine Führer und somit ein ausgeglicheneres Verhältnis zwischen den Menschen geben würde. Ich denke, es besteht kein Zweifel daran, dass Henri-Edmond Cross Sympathien für den Anarchismus hegte. Er schrieb in Briefen über seine anarchistischen Einstellungen und produzierte ab 1896 Zeichnungen für anarchistische Zeitschriften. Die Art von Anarchismus, die er unterstützte, sollte aber ganz klar keine aggressive, terroristische, sondern eher eine erzieherische und evolutionäre sein. Eine Art von Anarchismus, die auf dem Glauben basierte, dass wir Menschen uns über einen sehr langen Zeitraum zu einer besseren Gesellschaft entwickeln würden. Das ist die Art von Vorstellungen, an die er glaubte und für die er sich zu einem gewissen Grad aktiv einsetzte. Cross schuf einige Zeichnungen, die unverkennbar anarchistisch waren, aber in seinen Gemälden wird der Anarchismus eher durch seine Methoden, durch die Harmonien aus Farben, durch die arabesken Konturen, durch den Zusammenklang der menschlichen Figur mit der Natur suggeriert. Das waren Dinge, die ein allumfassendes Gefühl der Einheit vermittelten, durch die er, wie ich glaube, seine anarchistischen Überzeugungen auf unterschwellige und bildhafte Weise artikulierte. Nachdem Cross in den frühen 1890er Jahren an einen sehr abgelegenen Teil der Mittelmeerküste im Departement Var zog, lebte er umgeben von kleinen landwirtschaftlichen Erzeugern, die er sich als ideale Gemeinschaft vorstellen konnte, als einen Ort, der wie eine Insel des Friedens und der Harmonie war. Dies war jedoch teilweise auch Wunschdenken, denn es gab eine Eisenbahn, die sehr nah an seinem Haus vorbeifuhr, obwohl er in einem Brief an einen Freund schrieb, dass das Dorf, in dem er lebte, nicht einmal auf einer Karte zu finden sei. Also wohnte dieser anarchistischen Gemeinschaft, in der er sich selbst sah und die er in seinen Gemälden darzustellen suchte, auch ein gewisser Grad an Phantasie inne.

Unten: Daniel Zamani: Cross’ Methodik und seine Verklärung der Côte d’Azur

Es gibt einen Tagebucheintrag von Paul Signac, der eng mit Cross befreundet war, in dem er davon spricht, dass es diese Ambivalenz im Werk von Cross gibt. Auf der einen Seite ein ganz methodischer Zugang zur Malerei, und dann was sehr Verklärtes, Unscharfes, Verträumtes. Und ich finde, das ist eigentlich mit die schönste Beschreibung von Cross’ Malerei, die in diesem Pol zwischen zwei Welten existiert: dass die Bilder ganz kühl durchdacht sind, da geht viel Vorbereitung rein. Das sind auch Studien von Licht und Farbe, wirklich Kammerspiele von flirrender Farbigkeit und Licht. Diese Auffächerung des Bildraums in mosaikartige Farbtupfer, die nebeneinanderstehen, die sind bahnbrechende Zeugnisse auf dem Weg zur Abstraktion. Und oft gibt es aber narrative Momente, zum Beispiel idyllische Pärchen am Strand, wandernde Figuren, nackte Frauen beim Tanz, die dem Bild eine ganz poetische Grundstimmung, auch eine musikalische Tonalität verleihen.

Cross zieht 1891 von Paris ans Mittelmeer, hauptsächlich anfangs aufgrund von rheumatischen Beschwerden. Aber es ist auch diese unglaubliche Naturidylle am Mittelmeer, die ihn dort hält. Und faszinierend für uns als Kunsthistoriker ist, dass Cross einer der ersten großen Künstler der Avantgarde ist, die sich ganz bewusst von der Pariser Großstadt abwenden, die diese rustikale Naturidylle, diese Abgeschiedenheit vom großstädtischen Leben suchen und sich dort auf diese Darstellung eines irdischen Paradieses zurückbesinnt. Und ganz besonders sieht man bei Cross auch diese avantgardistische Begeisterung für den Mittelmeerraum als eine Art irdisches Paradies, das jetzt schon verwirklicht ist. Cross war ein ganz wichtiges Vorbild für die Künstler, die später zur Gruppe des Fauvismus gehört haben, für Albert Marquet, für Henri Matisse zum Beispiel, aber auch für André Derain. Das ist eine Künstlergeneration, die Cross und Signac regelmäßig am Mittelmeer besucht und die einen ganz wichtigen Ansatzpunkt in diesen Vorgängern findet. Und eine Sache, die die Ausstellung auch machen soll, ist aufzuzeigen, wie Cross, Signac und die anderen Neoimpressionisten auch eine vergessene avantgardistische Tradition darstellen, die ganz wichtig war für den Beginn des 20. Jahrhunderts.

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