Trailer: Joannis Avramidis im Leopold Museum, Wien

Joannis Avramidis (1922–2016) zählt zu den wichtigsten Protagonisten der österreichischen Bildhauerei. Ein Jahr nach dem Tod des Künstlers präsentiert das Leopold Museum seine bisher größte Retrospektive in Österreich. Avramidisʼ Werk kreiste stets um die menschliche Figur. Aus Kreissegmentformen aufgebaut, wurde diese abstrahiert und in sich ausgewogene monumentale Rundplastiken transformiert. In seiner Suche nach einer Verdichtung des Figürlichen bei gleichzeitiger Abstraktheit der Form orientierte sich Avramidis an der griechisch archaischen und klassischen Skulptur ebenso, wie er sich von Künstlern wie Hans von Marées, Constantin Brancusi oder Wilhelm Lehmbruck inspirieren ließ. Dabei fand er zu einem höchst eigenständigen Stil, den Werner Hofmann als „Rhythmus der Strenge“ umschrieb.
Ausstellungsdauer: 19.05.2017–04.09.2017

Noch zu Lebzeiten von Joannis Avramidis hatte Leopold Museum-Direktor Hans-Peter Wipplinger die Einladung an den Künstler ausgesprochen, eine Retrospektive für das Leopold Museum zu gestalten. Ein Jahr nach dem Tod des Bildhauers wird von 19. Mai bis 4. September Joannis Avramidis Werk, welches die größtmögliche Objektivierung der Form anstrebte und dabei dennoch durch einen hohen Grad an Sinnlichkeit besticht, so umfassend wie nie zuvor in Österreich präsentiert.

Hans-Peter Wipplinger: „Diese bisher größte monographische Präsentation des Bildhauers Joannis Avramidis ist die längst überfällige Würdigung des großen Einzelgängers der österreichischen Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts.“

Köpfe, Figuren, Bäume, Bandfiguren und mehrfigurige Monumentalskulpturen: Die rund 100 Exponate aus allen Schaffensphasen geben in vier thematischen Bereichen einen umfassenden Einblick in das Œuvre von Joannis Avramidis, das stets den Menschen als Maß aller Dinge in den Mittelpunkt rückte. Der hohe Abstraktionsgrad seiner Skulpturen resultierte aus der Suche nach einer universalen, zeitlosen Formensprache unter Berücksichtigung selbstauferlegter, insbesondere in seinen Zeichnungen offengelegter Konstruktionsprinzipien. Dem schöpferischen Ethos des Künstlers, der sich mit Nachdruck auf seine griechischen Wurzeln berief, standen hierbei das Erbe der Antike und der Frührenaissance Pate. Dieses fungierte neben eindringlichen Naturstudien als zentrale Inspirationsquelle wie Kontrollinstanz in der Umsetzung der vom Künstler angestrebten „absoluten Figur“.

Joannis Avramidis: „Meine Arbeit ist die Demonstration der Herstellung einer objektiven, d. h. vollkommen erfaßbaren Form. Diese Form ist die primäre Voraussetzung für die Schaffung eines Kunstwerkes. Dabei ist es mir darum zu tun, persönliche Stileinflüsse aus meiner Arbeit ganz auszuschalten. Wirkliche Bezüge meiner Arbeit gibt es nur zur Antike und zur italienischen Frührenaissance.“

Prägend waren für den 1922 im georgischen Batumi, damals Teil der UdSSR, als Sohn von Schwarzmeergriechen geborenen Künstler die einschneidenden Erfahrungen von Vertreibung und Flucht. Nach der Ermordung des vom Stalin-Regime politisch verfolgten Vaters musste er mit seiner Familie nach Griechenland flüchten. Von den Nazi-Deutschen als Zwangsarbeiter nach Wien verschleppt, wurde er von den Sowjets aufgrund seiner Russischkenntnisse als Spion verdächtig und in Budapest inhaftiert, von wo ihm die Flucht zurück nach Österreich gelang. Die erzwungene Entwurzelung führte zu einer besonders starken Verbindung mit dem Kulturerbe seiner Heimat. Ganz bewusst bezeichnete sich Avramidis als „Hellene“.

Ausstellungskurator Ivan Ristić: „Zu Recht zählt das Griechentum zu den Konstanten der bisherigen Auseinandersetzungen mit dem Werk Joannis Avramidis’. Weniger betont wurde jedoch das Gefühl des Fremdseins an sich. Der unerbittliche Objektivitätsanspruch klassischer Proportionslehren mochte im Fall Joannis Avramidis’ ein Mittel dazu gewesen sein, über die zeitlichen und räumlichen Zusammenhänge erhaben zu bleiben und sich gleichzeitig auf ein Erbe besinnen zu können, welches er obendrein sein Eigen nennen konnte.“

Neben dem klaren Bezug zum griechisch-antike Ideen- und Gestalterbe lassen insbesondere Joannis Avramidis Monumentalskulpturen – sei es die Arbeit Polis oder seine Entwürfe zu einem Rundtempel – deutlich erkennen, dass Avramidisʼ Kunst weniger von kühler Kalkulation als von einer zutiefst humanen Haltung getragen war.

Stephanie Damianitsch: „Ab Mitte der 1960er-Jahre beschäftigte sich Joannis Avramidis mit visionären Konzepten von Skulptur, die über die Darstellung der Einzelfigur hinausgehen und die Idee des Zusammenlebens zum Thema haben. Mit ihnen beschritt Avramidis auf der Grundlage seiner skulpturalen Methodik einen Weg zur Architektur als Utopiekonzept menschlicher Gemeinschaft.“

Bereits im Vorfeld war, in Kooperation mit dem MuseumsQuartier Wien, die mehr als 13 Meter hohe Humanitassäule als Teil des unrealisiert gebliebenen Tempelprojektes des Künstlers im Haupthof des MQ aufgestellt worden. Ein Lebenstraum des Künstlers, der nun, sehr zur Freude von Julia Frank-Avramidis, Tochter des Künstlers und ausgewiesene Kennerin seines Werkes, posthum realisiert werden konnte. Sie unterstützte das von Stephanie Damianitsch und Ivan Ristić kuratierte Ausstellungsprojekt Kraft ihrer jahrelangen Erfahrung mit der Aufarbeitung des Werkes ihres Vaters.

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