Lyonel Feininger und Christian Rohlfs zurück im Kunstmuseum Moritzburg

(Presseinformation) Der Kulturstiftung Sachsen-Anhalt ist es gelungen, für das Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale) zwei 1937 durch die nationalsozialistische Aktion „Entartete Kunst“ beschlagnahmte Werke zurückzuerwerben. Es handelt sich um die Kohlezeichnung Marienkirche Halle I (1929) von Lyonel Feininger (1871–1956) und um das Aquarell Studie nach einem Baumstamm (um 1911) von Christian Rohlfs (1849–1938).

Lyonel Feininger: Marienkirche Halle I (1929)

Feiningers Kohlezeichnung gehört zur sogenannten Halle-Serie, bestehend aus 11 Gemälden und 29 Handzeichnungen, die der Künstler im Auftrag der Stadt zwischen 1929 und 1931 anfertigte und von der Stadt im Jahr 1931 für das Museum angekauft wurden. Im Sommer 1937 wurden alle 11 Gemälde sowie 22 der 29 Zeichnungen beschlagnahmt. Ein Gemälde wurde während des Zweiten Weltkrieges zerstört, drei Gemälde sind heute wieder Teil der Museumssammlung; die übrigen 7 Gemälde befinden sich in deutschem Museumsbesitz. 4 Gemälde sind derzeit als Leihgaben in der aktuellen Sonderausstellung Bauhaus Meister Moderne. Das Comeback zu sehen. Von den 22 beschlagnahmten Zeichnungen konnten bislang 3 Blätter zurückerworben werden, zuletzt im Januar 2019 aus amerikanischem Privatbesitz das Motiv Stadtkirche, Halle II (1929). Am vergangenen Samstag konnte im Rahmen einer Auktion des Auktionshauses Lempertz, Köln, ein weiteres Blatt ersteigert werden. Der Erwerb wurde möglich dank der Unterstützung des Landes Sachsen-Anhalt/Staatskanzlei und Ministerium für Kultur und des Auktionshauses Lempertz.

Die Zeichnung Marienkirche Halle I gehört zu den Vorarbeiten zum Gemälde Marktkirche bei Nacht (1931), das sich heute im Von der Heydt-Museum Wuppertal, befindet. Die Zeichnung ist die Vorbereitung des Gemäldemotivs. Wie alle anderen Zeichnungen schuf Feininger sie während des Sommers 1929 in Deep an der polnischen Ostseeküste, bevor er ab Herbst 1929 in seinem Atelier im Torturm der Moritzburg in Halle (Saale) mit der Ausführung der Gemälde begann. Eine erhaltene Fotografie belegt, dass der Künstler das Gemälde zunächst eng an diese  Zeichnung angelehnt startete. Im Frühjahr 1931 hat er das Gemälde mit Bezug auf zwei weitere Vorzeichnungen zu überarbeiten begonnen. Diese beiden Zeichnungen gelten seit der Beschlagnahme im Museum 1937 und dem Verkauf im Februar 1940 an den Kunsthändler Bernhard A. Böhmer bis heute als verschollen. Gleiches galt für das nun zurückerworbene Blatt. Sein Auftauchen auf dem Kunstmarkt und sein Rückerwerb für das Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale) ist daher ein seltener Glücksfall. Das Werk befand sich über Jahrzehnte in deutschem Privatbesitz.

Christian Rohlfs: Studie nach einem Baumstamm (um 1911)

Christian Rohlfs Aquarellstudie hatte Max Sauerlandt bereits im Frühjahr 1914 mit drei weiteren Aquarellen des Künstlers für die Sammlung des Museums erworben. Voller Begeisterung war er für diese Blätter, sodass er den Wunsch hegte, den Maler auch persönlich kennenzulernen. Seiner Frau schrieb er am 18. März 1914: „Es sind große Aquarelle von Christian Rohlfs […]. Sie sind ganz wundervoll großzügig und monumental, Landschaften, Akte und Porträts […]. […] Diese Blätter sind so überzeugend, daß ich Rohlfs so bald wie möglich kennenlernen muß.“ Nur wenige Wochen später besuchte er ihn in seinem Atelier und reservierte 4 Gemälde für die Sammlung. Die Finanzierung dieses Ankaufs übernahm der hallesche Unternehmer Carl Haenert. Wie kaum ein anderer Förderer des Museums unterstützte er durch regelmäßige Geldspenden und unzählige Schenkungen den Aufbau vor allem seiner kunstgewerblichen Sammlung. Haenerts mäzenatische Unterstützung des halleschen Kunstmuseums wird aktuell in der Ausstellung Wege zur Burg der Moderne. 1908–1939: Traditionen vorgestellt.

Sämtliche Rohlfs-Werke aus der ersten Moderne-Sammlung des Museums wurden 1937 als „entartet“ beschlagnahmt. Während die Gemälde sich heute in deutschem Museums- und Privatbesitz befinden, galten alle 4 Aquarelle bis vor kurzem als verschollen. Ein Aquarell, der Hahn, nach rechts pickend (1908), konnte in Vorbereitung der Ausstellung Bauhaus Meister Moderne. Das Comeback wiedergefunden werden. Zusammen mit dem Gemälde Weiden im Frühjahr (1907, heute Clemens Sels Museum, Neuss) ist es Teil der Ausstellung.

Der Maler und Grafiker Christian Rohlfs war ein außergewöhnlich wandlungsfähiger Künstler, der erst spät öffentliche Anerkennung erhielt. Sein Weg führte ihn zunächst vom Realismus über impressionistische und neoimpressionistische Tendenzen. Die Hinwendung zu einer expressiven Gestaltung erfolgte mit dem Kennenlernen von Emil Nolde während seines Aufenthalts in den Sommermonaten 1905 in Soest. Die nachfolgenden Arbeitsjahre bis zu seinem Tod 1938 bringen das eigentlich Werk Rohlfs hervor. Der Einsatz der Farbe, die zugleich bedeutender Ausdrucksträger seiner Werke ist, bringt ihm den Beinamen „Magier der Farbe“ ein. Auch die Studie nach einem Baumstamm war als interessante Farbstudie angelegt. Stilistisch ist sie in die Zeit seines Aufenthaltes in Bayern und München 1910/11 zu datieren.

Das nun zurückerworbene Aquarell wurde im Dezember 1940 von dem Kunsthändler Hildebrand Gurlitt aus dem als „entartet“ beschlagnahmten Kunstgut erworben. Es befand sich seither in deutschem Privatbesitz und wurde im Sommer 2019 dem Auktionshaus Ketterer, München, angeboten, das sich daraufhin im Oktober an das Museum wandte. Erfreulicherweise war es möglich, das Blatt direkt von den bisherigen Eigentümern und nicht im Rahmen einer Auktion zurückerwerben zu können. Das Aquarell, von dem bislang nicht einmal eine Abbildung bekannt war, wurde im November 2019 vom Christian Rohlfs Archiv am Osthaus Museum, Hagen, begutachtet und ist in das Werkverzeichnis des Künstlers aufgenommen worden.

Beide zurückerworbenen Arbeiten weisen auf den Rückseiten die originalen Inventarnummern und Stempel des Museums auf, sodass die Provenienz unzweifelhaft belegt ist.

Mit dem Rückerwerb dieser beiden Werke befinden sich nunmehr 17 der 147 als „entartet“ beschlagnahmten Werke wieder in der Sammlung des Kunstmuseums Moritzburg Halle (Saale). Beide Werke sind ab 5. Dezember 2019 im Rahmen der noch bis 12. Januar 2020 laufenden Rekonstruktion der ersten Moderne-Sammlung des Museums unter dem Titel Bauhaus Meister Moderne. Das Comeback zu sehen.

Mehr unter www.kunstmuseum-moritzburg.de